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12/14/11

Klimapolitik heute

Ende 2012 läuft die erste Verpflichtungsperiode des Kyoto-Protokolls aus. Der Welt-Klimagipfel (COP 17) Anfang Dezember 2011 in Durban war die 17. Konferenz der mehr als 190 Vertragsstaaten, um den weltweiten Klimaschutz mit einer Einigung über eine zweite Verpflichtungsperiode voran zu bringen – mit unbefriedigendem Ergebnis.

 

Das Kyoto-Protokoll begrenzt die Emissionen der Industrieländer, die dem Protokoll zugestimmt haben. Zu den Staaten mit den größten Emissionen zählen neben den USA auch China, Indien, Indonesien, Russland und Brasilien und auch diese Länder müssen zukünftig ihren Beitrag leisten.

 

Fast zwei Wochen dauerte die Klimakonferenz COP 17 im südafrikanischen Durban. Im Ergebnis hat sie eher Stillstand als Fortschritt gebracht. Vor allem die USA und Kanada bremsten die Erwartungen. Der am Ende in Durban gefundene Kompromiss sieht die Fortschreibung des Kyoto-Protokolls vor. Das Nachfolgeabkommen soll erst bei der nächsten Klimakonferenz in Katar 2012 ausgearbeitet werden.

 

Bis 2015 soll ein Weltklimavertrag erarbeitet werden, der ab 2020 in Kraft treten soll. Auch Länder wie die USA und China sollen dann erstmals verbindliche Ziele mittragen. Der Green Climate Fund (GCF) soll dazu beitragen, ab 2020 jährlich 100 Milliarden Dollar (74 Milliarden Euro) für Entwicklungsländer bereitzustellen. Die Herkunft der Mittel ist allerdings ungeklärt.

 

 

Klimapolitik und Ozeane

Demonstranten fordern vom Klimagipfel 2009 in Kopenhagen Resultate.

von Matthias Berg, COPSAIL

 

Für eine Paradefahrt auf der winterlichen Ostsee vor Kopenhagen wurden im Dezember 2009 während der Klimakonferenz auf fünf Traditionsschiffen die Segel gesetzt mit der Aufschrift: „Act now!“ Dies riefen und forderten auf Plakaten auch zehntausende Klimaaktivisten in den Straßen, die mit ihren blauen Overalls symbolisch darstellten: „The flood is coming“. Bunt und vielfältig wurde gezeigt, dass durch aktives Handeln alternative Lösungen möglich sind und dringend gefordert werden.

 

Die politischen Verhandlungen jedoch blieben nahezu unbeweglich. Die aktuelle Klimapolitik gleicht damit einem fast manövrierunfähigen Großsegler, auf dem die verschiedenen Segel kreuz und quer stehen und nicht für ein erforderliches Wendemanöver neu gestellt werden, sondern die Führungscrew stur an einem falschen Kurs festhält. Die Klimaproblematik ist sehr vielschichtig und kompliziert, doch der dringend erforderliche Kurswechsel darf nicht weiter vertagt werden oder an bürokratischen Hürden scheitern. Notwendig ist ein entschlossenes Handeln in Politik, Wirtschaft und Zivilgesellschaft!

 

Dazu ein Rundgang mit kritischer Besichtigung einzelner Bereiche der Klimapolitik, ein Blick in das „Kielwasser“ der jahrzehntelangen Debatte, auf die deutlichsten „Manöver“ und (zumeist nur geplanten) „Kursänderungen":

 

Grundsätze und wichtigste Instrumente der Klimapolitik

Das Grundgerüst und zugleich wichtigste Instrument der Klimapolitik ist die 1992 beschlossene Klimarahmenkonvention (United Nations Framework Convention on Climate Change – UNFCCC). Das zur Konvention gehörende UN-Klimasekretariat in Bonn organisiert jährlich eine große Konferenz (Conference of the parties – COP). Dadurch haben die 192 Vertragsstaaten zumindest die Möglichkeit um u.a. diese Grundsätze der Konvention umzusetzen: „Die Vertragsparteien sollen [...] das Klimasystem zum Wohl heutiger und künftiger Generationen schützen [...] und Vorsorgemaßnahmen treffen, um den Ursachen der Klimaänderungen vorzubeugen, sie zu verhindern oder so gering wie möglich zu halten und die nachteiligen Auswirkungen der Klimaänderungen abzuschwächen.“

 

Mögliche Zukunftsaussichten: Globale Emissionen von CO2 (oben) und globale Erwärmung nach einem Szenario ohne klimapolitische Maßnahmen (rot) sowie einem Szenario mit ambitionierten Vermeidungsmaßnahmen, die den CO2-Ausstoß auf eine Billion Tonnen CO2 in der ersten Hälfte des Jahrhunderts und anschließend fast Null begrenzen. Der Ausstoß von Treibhausgasen im Jahr 2050 liegt nach dem Vermeidungsszenario rund 70 Prozent unter dem Stand von 1990. Ohne klimapolitische Maßnahmen wird die globale Erwärmung in der Mitte des Jahrhunderts zwei Grad Celsius überschreiten. Vermeidungs-maßnahmen würden dieses Risiko auf 25 Prozent begrenzen. Quelle: M. Meinshausen et al. (2009)
Tabelle 1: Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 und Brutto-Inlandsprodukt ausgewählter Staaten (2005-2009 gerundet, Statistisches Bundesamt Deutschland)

Vorgesehen ist eine Abschwächung des Klimawandels „durch die Bekämpfung anthropogener Emissionen“ und ein Abbau der Treibhausgase „durch Senken sowie Maßnahmen zur Erleichterung einer angemessenen Anpassung an die Klimaänderungen.“ Die Lasten der Maßnahmen müssen dabei den Entwicklungen und Bedürfnissen der Vertragsstaaten angepasst und entsprechend gemeinsamer, aber unterschiedlicher Verantwortung aufgeteilt werden, was als burden sharing bezeichnet wird. Diese Abstimmung zwischen besonders betroffenen Staaten und den Hauptverursachern ist eine der größten Herausforderungen der internationalen Klimapolitik.

 

Verstärkend kommt noch die historische Verantwortung der Industriestaaten hinzu, da sie zum Aufbau ihres Wohlstandes seit Beginn der Industrialisierung bereits riesige Mengen des Treibhausgases CO2 ausgestoßen haben und viele Entwicklungsländer erst ganz am Anfang einer Industrialisierung stehen. Sie haben selbstverständlich ein gleiches Anrecht auf eine starke Entwicklung ihrer Industrie – jedoch würde eine gleichartige Kopplung ihrer volkswirtschaftlichen Entwicklung mit dem Anstieg ihrer Emissionen, so wie er in den Industriestaaten vollzogen wurde, zu einem katastrophalen globalen Anstieg führen. Hier stehen die Industrienationen in der Pflicht, entsprechend ihrer bisher erfolgten Gesamtemissionen zu agieren.

 

Auch ohne die historische Verantwortung besteht ein sehr großer Unterschied zwischen finanzstarken Industriestaaten mit sehr hohem Pro-Kopf-Ausstoß an CO2 (s. Tabelle 1) und den besonders stark betroffenen Staaten, die oftmals nur geringe Finanzmittel für wirksame Gegenmaßnahmen haben (z.B. Bangladesch, Indien). Erforderlich sind Strategien und Maßnahmen zur Vermeidung von Emissionen (Mitigation) und zur Anpassung an die Folgen des Klimawandels (Adaptation) wie beispielsweise an den Meeresspiegelanstieg und an (häufigere) Dürren. Hans Joachim Schellnhuber, Klimaberater der Bundesregierung, fordert daher die Umsetzung der Doppelstrategie: „Das Unbeherrschbare vermeiden und das Unvermeidbare beherrschen“! Die Wissenschaft hat seiner Einschätzung nach eindeutig den Beweis für den Klimawandel erbracht. Es muss notwendigerweise den Erkenntnissen folgend gehandelt werden. (vollständiges Interview mit Hans Joachim Schellnhuber <pdf>)

 

Während der dritten Vertragsstaatenkonferenz (COP 3) im japanischen Kyoto wurden 1997 die Grundlagen zu dem später rechtsverbindlichen Kyoto-Protokoll beschlossen, welches die ersten - und bisher einzigen - verbindlichen gemeinsamen Reduktionsziel enthält: Minderung des CO2-Ausstoßes der Industriestaaten bis 2012 um -5,2% gegenüber 1990.

 

Die Ozeane nehmen einen großen Teil der Treibhausgas-Emissionen auf und verhindern einen schnelleren Klimawandel. Gleichzeitig verändert die Aufnahme von CO2 und der Klimawandel die Pufferkapazität der Ozeane. Die Versauerung der Ozeane verändert die biologischen Bedingungen, die Erwärmung der Ozeane kann zur Freisetzung von Methan führen. Die Ozeane spielen deshalb eine wichtige Rolle im Zusammenspiel von Klimawandel und Klimapolitik. (Ozean der Zukunft)

 

Historische Eckdaten der Klimawissenschaft und Klimapolitik

Klimapolitische Entscheidungen brauchen als Grundlage wissenschaftliche Erkenntnisse – jedoch erfolgen die Reaktionen oder verbindlichen Umsetzungen oft mit sehr langem Zeitverzug.

 

Bereits am Ende des 19. Jahrhunderts berechnete der schwedische Nobelpreisträger Svante Arrhenius, dass bei einer Verdopplung des CO2-Gehaltes der Luft die globale Temperatur um 4-6°C steigen würde. Die grundsätzliche Richtigkeit seiner Berechnung von 1896 gilt heute als bewiesen, der entsprechende Temperaturanstieg wird jedoch mit 2-4°C angegeben. In der Mitte des 20. Jahrhunderts warnte der deutsche Meteorologe Hermann Flohn, dass die Verbrennung in der Industrie der entscheidende Faktor der Klimawirkung des Menschen geworden ist, welches „in allerjüngster Zeit [1941!] wieder gesteigerte Beachtung findet. [...] Das heißt also: die seit der Industrialisierung auftretende Kohlensäureproduktion stört das Bilanzgleichgewicht und führt zu einer fortlaufenden Steigerung des Kohlensäuregehaltes der Luft. [...] Damit wird die Tätigkeit des Menschen zur Ursache einer erdumspannenden Klimaänderung, deren zukünftige Bedeutung niemand ahnen kann.“ (Flohn, H. (1941): Die Tätigkeit des Menschen als Klimafaktor. In: Zeitschrift für Erdkunde, S. 13-22)

 

In dem 2007 veröffentlichten und für aktuelle klimapolitische Entscheidungen maßgeblichen vierten Bericht des so genannten Welt- oder UN-Klimarates (Intergovernmental Panel on Climate Change - IPCC) finden sich ähnliche Aussagen. Diese vergleichbaren Zahlen zum Klimawandel sind nach einem guten halben Jahrhundert durch zahlreiche Studien wissenschaftlich belegt: unter anderem der Anstieg an Treibhausgasen in der Atmosphäre „verändert die Energiebilanz des Klimasystems“ und eine Klimaerwärmung im letzten Jahrhundert um +0,7°C ist „ohne Zweifel vorhanden.“ (IPCC 2007: The Physical Science Basis. Summary for Policymakers.)

 

Der Klimarat wurde 1988 von dem UNO-Umweltprogramm (UNEP) und der UNO-Weltorganisation für Meteorologie (WMO) gegründet und erstellt alle 5-6 Jahre Zusammenfassungen der aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse (Assessment Reports). Führende Klimawissenschaftler geben damit den politischen Entscheidungsträgern einen Überblick über den Wissensstand zum Klimawandel in konzentrierter und verständlicher Form. Der erste Bericht des IPCC im Jahr 1990 führte dazu, dass auf dem Erdgipfel von Rio de Janeiro (1992) die Klimarahmenkonvention (UNFCCC) verabschiedet wurde.

 

Im Herbst 2006 brachte der Stern-Report die Klimapolitik besonders stark in den Fokus der Weltöffentlichkeit. In der Studie über die ökonomischen Folgen des Klimawandels bezeichnet der ehemalige Chefvolkswirt der Weltbank, Nicholas Stern, die Klimakrise als sehr ernsthafte Bedrohung der Menschheit und als größtes Versagen des Marktes. Er zeigt auf, dass jetzige Investitionen in den Klimaschutz wesentlich günstiger gegenüber den Kosten der prognostizierten Folgeschäden sind.

 

Auf der Klimakonferenz 2007 auf Bali (COP 13) wurde mit der „Bali-Roadmap“ ein „Fahrplan“ für die Erstellung verbindlicher Vorschriften für die Zeit nach dem Kyoto-Protokoll beschlossen. Darin werden auch die Ergebnisse des IPCC-Berichtes direkt aufgegriffen und es wird festgelegt, dass 2009 in Kopenhagen (COP 15) ein Nachfolgeabkommen zum Kyoto-Protokoll verabschiedet werden soll.

 

Kein Wendemanöver erkennbar: die Klimakonferenz in Kopenhagen

Der UN-Klimagipfel in Kopenhagen im Dezember 2009 war die bisher größte Vertragsstaatenkonferenz (COP) mit insgesamt mehr als 15.000 Teilnehmern, darunter Delegierte aus 193 Staaten, vertreten u. a. durch 80 Regierungschefs, dazu Beobachter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und Umweltschutzverbänden sowie rund 3.500 Journalisten. Die hohen Erwartungen an die Konferenz zeigten sich eindrucksvoll in der starken Berichterstattung in zahlreichen Medien, darunter auch durch das World Ocean Observatory mit dem Fokus auf die Bedeutung der Ozeane und Meere.

 

Die starke mediale Beachtung gehörte zu dem großen Potential für ein starkes Umsteuern durch ein ambitioniertes Abkommen – doch dieser „gute Wind“ wurde nicht genutzt. Als Endergebnis nahmen die Delegierten den Copenhagen-Accord nur „zur Kenntnis“ und damit wurde (u.a.) lediglich das rechtlich unverbindliche Ziel genannt, durch Emissionsreduktionen einen Temperaturanstieg von über 2°C zu vermeiden. Damit wird zwar erstmalig zumindest ein genaues Ziel festgeschrieben (was eine wichtige Grundlage für zukünftige Verhandlungen sein kann) – jedoch ist dieses Ziel nur eine Konkretisierung von Zielvorgaben der Klimarahmenkonvention von 1992, denn in ihr werden Maßnahmen gefordert, mit denen „eine gefährliche anthropogene Störung des Klimasystems verhindert wird“. Wissenschaftlern gilt das 2°C-Ziel als eine solche Leitplanke (Grenzwert). Bei darüber liegenden Werten werden die Auswirkungen des Klimawandels als sehr gefährlich angesehen, da oberhalb kritischer Werte die Gefahr deutlich wächst, dass irreversible Kipp-Punkte (tipping points) in Ökosystemen überschritten und damit unvorhersehbare Veränderungen ausgelöst werden.

 

Yvo de Boer, von 2006 bis Juni 2010 Generalsekretär des UN-Klimasekretariats, bezeichnet die Klimaverhandlungen als einen sehr langwierigen Prozess. Bei einer Vorbereitungskonferenz 2010 in Bonn für den im selben Jahr in Mexiko tagenden 16. Klimagipfel sieht er – der sicherlich einer der wichtigsten und erfahrensten Akteure der Verhandlungen in den letzten Jahren gewesen ist - es als „sehr unwahrscheinlich“ an, dass auf der bevorstehenden Konferenz im mexikanischen Cancun (COP 16) ein verbindliches Abkommen beschlossen wird. Mit einem Kyoto-Nachfolgeabkommen rechnet er dann aber 2011 in Durban in Südafrika (COP 17).

 

Kippelemente sind als Bestandteile des Erdsystems identifiziert worden, die schon durch geringe Störungen grundsätzlich verändert werden können. Das Kippen eines oder mehrerer dieser Elemente – insbesondere im Laufe fortschreitender Erderwärmung – könnte die bemerkenswert stabilen Umweltbedingungen der Nacheiszeit unwiderruflich beenden.

Lotsen und „Klimapiraten“: Kritische Beobachter, Berater und Klimaaktivisten

In Kopenhagen verfolgten den Verhandlungsprozess der Klimakonferenz mehrere Tausend Mitarbeiter von Nichtregierungsorganisationen (NGOs) und andere politisch im Umweltschutz engagierte Beobachter und Berater vor Ort sehr genau. Dabei waren sie jedoch oftmals von Einschränkungen betroffen und wurden vom Verhandlungszentrum ausgeschlossen oder durften nur in sehr geringer Anzahl teilnehmen. Zudem zeigten ausserhalb des Verhandlungszentrums mehrere zehntausend Klimaaktivisten mit vielfältigen Aktionen eine starke Präsenz.

 

Hindou Oumarou Ibrahim, Vertreterin des Indigenous People´s African Coordinating Committee, Tschad

Für die sehr unterschiedlich organisierten Zusammenschlüsse und für einzelne Aktionen sind das Climate Action Network (CAN) und die „Klimapiraten“ mit ihren „Verbündeten“ eindrucksvolle Beispiele. 1989 schlossen sich insgesamt 63 Organisationen aus 22 Staaten als Climate Action Network zusammen. Heute hat das Netzwerk rund 450 korporative Mitglieder, größtenteils NGOs, unter denen u. a. die Entwicklungsorganisation OXFAM und die sich für den Nord-Süd-Ausgleich einsetzende Initiative GERMANWATCH e. V. starke Präsenz zeigen.

 

Die Verhandlungen aller UN-Klimagipfel wurden vor Ort sehr genau analysiert und teilweise auch beratend begleitet. Daneben brachte das Netzwerk verschiedene Facetten der Klimaproblematik durch Aktionen wie Menschenketten oder Konferenzen in den Fokus der Öffentlichkeit und förderte den globalen Dialog.

 

Beispielsweise fand bereits mehrmals in Bonn während der jährlichen UN-Vorkonferenzen jeweils eine eintägige Konferenz von Germanwatch, Brot für die Welt u.a. statt. Während im UNFCCC-Prozess auch im Juni 2010 wieder in vielen Verhandlungen nur geringe Dynamik erkennbar war, prangerten auf der Konferenz von Germanwatch direkt Betroffene eindrucksvoll die globale Ungerechtigkeit des Klimawandels an: „Der Klimawandel ist bereits eine große Bedrohung für Afrika, während Afrika einer der am geringsten CO2-emittierenden Kontinente ist“ (Hindou Ibrahim von Indigenous People of Africa Coordinating Committee, IPACC).

 

Die Traditionssegler bei ihrer Klima-Segelparade vor Kopenhagen. (Foto: Klimapiraten)

Die anfangs erwähnte Segelparade während der Kopenhagener Klimakonferenz wurde vornehmlich von den Klimapiraten organisiert, die mit Traditionsschiffen auf die dringende Notwendigkeit zum Umsteuern hinwiesen und ein entschlossenes Handeln während der Verhandlungen forderten. Gleichzeitig mit den Klimapiraten aus Greifswald auf den Segelschiffen LOVIS und PETRINE segelte die studentische Gruppe Paz Verde mit drei Schiffen aus Flensburg und Kiel nach Kopenhagen.

 

Mit dem sog. COPsail setzten sie ein deutliches Zeichen für das geforderte „Act Now!“ Ihre CO2-neutrale Fahrt zur Klimakonferenz mit den Schiffen ZUVERSICHT und CAROLA vom Verein Jugendsegeln aus Kiel sowie der HANSINE aus Bremerhaven zeigt, wie erfolgreich auch zunächst kleinere Initiativen sein können. Prof. Olaf Hohmeyer (der am IPCC mitgearbeitet hat sowie Mitglied des WBGU ist) übernahm die Schirmherrschaft und verabschiedete die Aktivisten in Flensburg persönlich, ebenso wie Robert Habeck von den Grünen und Arved Fuchs. Der Abenteurer und Klimabotschafter übergab ihnen eine Petition für die verhandelnden Politiker mit der dringenden Forderung nach einem verbindlichen Abkommen: „Agree on a new and binding action plan“. In Kopenhagen nahm Klaus Milke, der Vorsitzende von Germanwatch, diese Petition an Bord des Segelschiffes entgegen und überreichte sie kurz darauf im Verhandlungszentrum dem deutschen Bundesumweltminister Dr. Norbert Röttgen.

 

Die starke Symbolik der Schiffsparade fand große Beachtung in Zeitungen, im Radio und Fernsehen bis hin zur ARD-Klimaschau. Bei der Anreise war eine Nachtfahrt durch dichte Nebelfelder im großen Belt ein besonders beeindruckendes Erlebnis. Die Crew meisterte dabei die schwierigen Manöver während zunehmendem Wind durch ein flexibles Anpassen an die gegebenen Naturverhältnisse. Neben den politischen Veränderungen braucht der Klimaschutz einen respektvollen Umgang mit der Natur – eine entsprechende Bewusstseinsbildung kann durch das Segeln stark gefördert werden.

 

Gefährlicher Kurs: Die Zukunft der Meere - zu warm, zu hoch, zu sauer

Die Ozeane stellen wichtige Puffer im globalen Kohlenstoffkreislauf dar. Sie haben rund ein Drittel der vom Menschen verursachten Kohlendioxid-Emissionen aufgenommen und sind daher durch den erhöhten CO2-Eintrag und einer Versauerung stark vom Anstieg der Treibhausgase betroffen. Zudem haben sie als gigantische CO2-Senken eine hohe klimapolitische Bedeutung.

 

Die Ozeane nehmen im globalen Kohlenstoffkreislauf einen großen Teil der Treibhausgasemissionen auf und verhindern einen schnelleren Klimawandel. Gleichzeitig verändert die Aufnahme von CO2 und der Klimawandel die Pufferkapazität der Ozeane. Die Versauerung der Ozeane verändert die biologischen Bedingungen mit möglicherweise beträchtlichen Auswirkungen und die Erwärmung der Ozeane kann zur Freisetzung von Methan aus den Ozeanen führen. Die Ozeane spielen deshalb eine wichtige Rolle in dem Zusammenspiel von Klimawandel und Klimapolitik. (Quelle: Ozean der Zukunft)

Ein Sondergutachten des Wissenschaftlichen Beirats Globaler Umweltveränderungen (WBGU) von 2006 zeigt deutlich, dass der Mensch starke Veränderungsprozesse in den Ozeanen verursacht, die beispiellos in den letzten Jahrmillionen sind. Die Ozeane sind unmittelbar vom Klimawandel beeinflusst: „Die Zukunft der marinen Umwelt wird entscheidend davon abhängen, ob sich die menschengemachte Störung des Klimasystems auf ein tolerierbares Maß begrenzen lässt.“

 

Ebenso warnte im selben Jahr der Meeresschützer Jean-Michel Cousteau (Sohn des berühmten Ozeanforschers und Unterwasserfilmers Jacques-Yves Cousteau) eindringlich: „Ein sehr realer, erbarmungsloser und stärker werdender Feind der Meere, ihrer Korallenriffe und aller Staaten, die am Meer liegen und mehr oder weniger von ihm leben, ist die globale Erwärmung. Um vielleicht doch noch Katastrophen zu verhindern, die sich schon heute abzeichnen [...] müssen wir rund um den Globus Einigkeit über Veränderungen in Industrie und Lebensweise erzielen.“ (Cousteau, J.-M. (2006): Wunderwelt der Meere. In: National Geographic Deutschland, S. 48-57)

 

Kurswechsel mit starkem Steuerkompass: Leitplanken für den Klimaschutz

Zum Schutz der Meere und damit direkt verbunden des Klimas sind besonders vorsorgende Maßnahmen gegen unkontrollierbare Veränderungen notwendig – dafür muss die Klimapolitik klare Rahmenbedingungen liefern, denn es gilt laut WBGU: „Entschlossenes und vorausschauendes Handeln ist jetzt notwendig, damit die Weltmeere kritische Systemgrenzen nicht überschreiten.“ Es werden auch für den Meeresschutz Leitplanken verlangt, da die Auswirkungen eines Temperaturanstieges von über 2°C, ein Meeresspiegelanstieg von über 1 Meter und ein Absinken des pH-Wertes um mehr als 0,2 Einheiten gegenüber dem vorindustriellen Wert als intolerabel angesehen werden.

 

Als Gegenmaßnahmen gegen den Klimawandel werden auch Möglichkeiten des so genannten Geo-Engineerings erforscht, mit dem einzelne Komponenten des Klimasystems gezielt beeinflusst werden. Dazu zählen u. a. Maßnahmen zur Erhöhung der Funktion von Meeren als CO2-Puffer beispielsweise durch künstliche Eisendüngung durch Eintrag von Vulkanasche. Der erhöhte Eisengehalt des Oberflächenwassers soll das Algenwachstum verstärken und so eine höhere CO2-Aufnahme ermöglichen. Entscheidende Probleme eines solchen Eingriffes in Ökosysteme sind die großteils nahezu unvorhersehbaren Nebenwirkungen und eine Düngung ist daher jedenfalls „kein Allheilmittel“, wie Andreas Oschlies, Forscher am Kieler Meeresforschungsinstitut IFM-GEOMAR in einem Beitrag zur Kampagne Klima sucht Schutz betont.

 

Um der Maxime von Vermeidung (Mitigation) und Anpassung (Adaptation) gerecht werden zu können muss schnell und durchgreifend gehandelt werden. Dies erfordert deutliche Signale und Handlungsbereitschaft auch der Zivilgesellschaft und der Wirtschaft, um die Grundlage für das schnelle Umsetzen durchgreifender Maßnahmen zu schaffen.

 

Das erforderliche Wendemanöver kann sicherlich nicht allein von der Politik eingeleitet werden und braucht die Unterstützung und den Druck aus vielen Bereichen der „Mannschaft“. Doch die Notwendigkeit eines starken Umsteuerns wird von vielen „Besatzungsmitgliedern“ gesehen und lautstark gefordert - nun muss endlich mit einem verbindlichen und ambitionierten Abkommen entsprechend entschlossen von denjenigen gehandelt werden, die hohe Verantwortung tragen und den „Großsegler“ der schwierigen und extrem vielschichtigen Klimapolitik auf einen neuen Kurs bringen müssen und können!