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Nachhaltiger Tourismus und Kreuzfahrten

Die Tourismusindustrie ist einer der größten Wirtschaftszweige mit weltweit anhaltend hohen Wachstumsraten. Im Jahr 2000 leistete die Tourismusbranche einen direkten bzw. indirekten Beitrag zur globalen Wertschöpfung von etwa 12%. Die auf Tourismus entfallenden Umsätze betrugen bereits 1997 weltweit rund 443 Milliarden US Dollar. Bis zum Jahr 2020 wird eine Steigerung auf rund 2 Billionen US Dollar erwartet. Allein von 1992 bis 1997 wuchs die Zahl der internationalen Touristen von rund 463 Millionen auf 594 Millionen Reisende pro Jahr.

 

Von internationalem Tourismus gehen eine Reihe von Effekten - positive wie negative - aus. Zu den wichtigsten negativen Effekten zählen die Auswirkungen des Tourismus auf die Umweltqualität und die nachhaltigen Entwicklungsperspektiven der Zielregionen, wichtige positive Beiträge umfassen insbesondere Beschäftigungs- und Einkommenseffekte sowohl in den Zielregionen als auch auf Seiten der Anbieter touristischer Produkte und den damit verbundenen Wirtschaftsbereichen weltweit.

 

Tourismusregionen und die Tourismusindustrie sind von einer intakten Umwelt, aber ebenso von einem positiven wirtschaftlichen und sozialen Umfeld der touristischen Angebote abhängig. Aufgrund eines wachsendes Bewusstein dafür, dass die erwünschten positiven Effekte des Tourismus in den Zielregionen wie auch auf Seiten der Tourismusindustrie zukünftig nur dann noch zu erreichen sind, wenn die negativen ökologischen, ökonomischen und soziokulturellen Auswirkungen verringert bzw. verhindert werden können, gewinnt das Leitbild eines „Nachhaltigen Tourismus“ immer stärkere Bedeutung.

 

Leitbild: Nachhaltige Entwicklung

Leitbild für einen nachhaltigen bzw. sanften Tourismus ist das Prinzip der "Nachhaltigen Entwicklung". Gemäß einer Definition der Weltbank ist unter nachhaltiger Handeln zunächst zu verstehen, dass

  • der Einsatz nachwachsender Ressourcen nicht größer ist als der Umfang, in dem sie sich erneuern
  • die Rate, zu der nicht-nachwachsende Ressourcen eingesetzt werden nicht größer ist als die Rate, zu der erneuerbare Alternativen entwickelt werden
  • die verursachten Emissionen nicht größer sind als die Kapazität der Umwelt, diese selbst zu beseitigen.

Ein mehr grundsätzlicher Leitsatz, der die genannten Kriterien impliziert und noch darüber hinaus geht lautet: Alle Aktivitäten der heute lebenden Generation, die sich auf die weitere wirtschaftliche, soziale und umweltgerichtete Entwicklung beziehen, dürfen nicht dazu führen, dass zukünftige Generationen in ihren Entwicklungsmöglichkeiten eingeschränkt werden. Übertragen auf den Tourismus impliziert das so verstandene Prinzip einer „Nachhaltigen Entwicklung“ drei gleichrangige Komponenten (1):

 

Ökologische Verträglichkeit

Tourismus als Beitrag zur Erhaltung und Sicherung der Ökosysteme auf der Erde. Intakte Natur- und Lebensräume sind und bleiben Voraussetzung und Basis für den Tourismus. Dies erfordert Strategien zur Schonung der Ressourcen und zur Reduktion der Emissionen, ein landschafts- und umweltplanerisches Konzept, das eine bessere Umweltverträglichkeit des Tourismus und allen damit verbundenen Aktivitäten auf allen Ebenen gewährleistet.

 

Soziokulturelle Verträglichkeit

Nachhaltiger Tourismus als Beitrag zu einem interkulturellen Austausch und zur Verständigung von Menschen, ungeachtet von Herkunft, Sprache und Religion. Tourismus muss eine selbstbestimmte kulturelle Dynamik von Regionen ermöglichen und zur sozialen Zufriedenheit beitragen. Touristen sind Gäste in der Region, Regionen sind keine Museen. Regionen sind in erster Linie Lebensraum für ihre Bewohner und nur in zweiter Linie Dienstleistungsbetrieb für den Tourismus. Sozialverantwortlicher Tourismus muss den Erhalt einheimischer soziokultureller Werte unterstützen.

 

Ökonomische Verträglichkeit

Nachhaltiger Tourismus folgt den Kriterien eines qualitativen Wirtschaftswachstums, das mittel- und langfristig ein breitgestreutes Einkommen unter Berücksichtigung ökologischer und sozialer Kosten und Nutzen ermöglicht. Tourismus kann einen Beitrag zum Wohlstand der bereisten Regionen leisten (Sicherung der Einkommen, Verbesserung der Lebensqualität). Tourismus kann die strukturellen Nachteile ländlicher und abgelegener Räume milder und sogar ausgleichen, wenn er in eine sektorübergreifende, regionsspezifisch vernetzte Wirtschaft integriert ist und so einen maximalen Beitrag zur regionalen Wertschöpfung leistet. Die fortschrittlichsten Mindeststandards in den Industriestaaten in rechtlicher und sozialer Hinsicht müssen auch in den Zielregionen akzeptiert bzw. deren Umsetzung gefördert werden. Umwelt- und Sozialdumping dürfen sich nicht bezahlt machen.

 

Was hier für den Tourismus allgemein formuliert wurde, muss auch für jede Ausprägung des Tourismus gelten - auch und gerade für den Kreuzfahrttourismus. Aktivitäten in Zusammenhang mit Kreuzfahrttourismus haben verschiedene Auswirkungen auf den weltweiten Arbeitsmarkt und Wirtschaftsentwicklung, aber insbesondere auch auf die Meere und Ozeane sowie abgelegene Inselregionen und deren soziale und wirtschaftliche Entwicklung (2).

 

Wirtschaftsfaktor Kreuzfahrttourismus

Kreuzfahrttourismus als Bereich des Tourismus ist ein bedeutender Wirtschaftfaktor. Die Gesamtwertschöpfung der Kreuzfahrtindustrie allein in den USA wird derzeit auf rund 12 Milliarden $ pro Jahr geschätzt, das erwartete Wachstum auf rund 8% pro Jahr. 1998 waren 223 Schiffe in Fahrt, die fast 10 Millionen Touristen beförderten. Über eine Periode von nur sechs Jahren (1993-1998) stieg die Zahl der Schiffe, die von Nordamerikanischen Häfen aus operieren, um rund 50%. Zu Beginn des Jahres 2001 waren 64 neue, größere Schiffe im Bau oder weltweit bestellt – ein großer Teil davon bei Werften in Europa. Bis 2004 sollen die Kreuzfahrtkapazitäten um 35% gesteigert werden. Über die Hälfte der Schiffe bedienten den Nordamerikanischen Tourismusmarkt und befahren das Gebiet Karibik, die mittlere Schiffsgröße beträgt in diesem Fahrtgebiet über 2000 Personen. Die größten Schiffe befördern dort heute mehr als 5.000 Personen (inklusive Crew). In einigen Anlaufhäfen in der Karibik werden bis zu 15.000 Tagestouristen am Tag gezählt, mit weitreichenden - nicht nur positiven - Effekten auf die Wirtschafts- und Sozialstruktur der Zielregionen.

 

Ressourcenverbraucher Kreuzfahrttourismus

Kreuzfahrttourismus benötigt große Mengen an Ressourcen und erzeugen flüssige und feste Abfälle. Ein typische Karibik Kreuzfahrtschiff erzeugt auf einem ein-wöchentlichen Trip rund 50 Tonnen Abfall, 7,5 Millionen Liter Brauchwasser, 800.000 Liter Abwasser, 130.000 Liter ölhaltiges Wasser. Etwa 75% der gesamten Abwässer von Schiffen werden von Kreuzfahrtschiffen verursacht. Von 1993-1998 wurden rund 100 Fälle von Meeresverschmutzungen durch Kreuzfahrtschiffe allein in der Karibik offiziell verfolgt, die Dunkelziffer dürfte diese Zahl um ein vielfaches Übersteigen, da für Entsorgung von Abwasser außerhalb kontrollierbarer Hoheitsgewässer oder in den Gewässern solcher Staaten erfolgt, die Umweltverschmutzungen gegen Gebühren dulden (3).

 

Darüber hinaus benötigt Kreuzfahrttourismus geeignete Supra- und Infrastruktur in den Zielregionen, die häufig die eigene finanzielle Leistungsfähigkeit der Regionen überfordert und eine wirtschaftliche Abhängigkeit dieser Regionen von Kreuzfahrtunternehmen zur Folge haben kann.

 

Nachhaltiger Kreuzfahrttourismus

Kreuzfahrttourismus umfasst unterschiedliche Segmente und Teilmärkte. Nachhaltigkeitsaspekte – im Sinne von ökologischer Nachhaltigkeit - spielen in den meisten Teilmärkten des Kreuzfahrttourismus bereits eine mehr oder weniger wichtige große Rolle. Es zeichnet sich ab, dass die Kreuzfahrtindustrie diese Art der negativen Effekte - in eigenem Interesse - schnell beheben wird.

 

Mögliche Ursachen dafür, dass z.B der wichtigste Teilbereich des Kreuzfahrttourismus (Karibik) kaum den Vorstellungen eines nachhaltigen Tourismus - im Sinne der Nachhaltigkeitsdefinition im Brundtland Berichtes – entsprechen kann sind somit auf der wirtschaftlichen und sozio - kulturellen Ebene zu suchen. Aber auf diesen Ebenen fällt der konkrete Nachweis schwer (4). Obwohl Kreuzfahrttourismus zweifelsfrei wirtschaftliche Impulse in den Zielregionen auslöst, bleiben häufig die tatsächlichen Effekte auf die mittel- und langfristige regionale Entwicklung hinter den Versprechungen und Erwartungen zurück. Das Verhältnis zwischen Mitteleinsatz und Ergebnis, zwischen Kosten und Nutzen auf wirtschaftlicher, wie auch auf sozialer und kultureller Ebene scheint unausgewogen - zum Nachteil der Zielregionen. Eine Quantifizierung dieses Zusammenhangs steht jedoch aus.

 

Cruising towards sustainability

Die Entwicklung nachhaltiger Tourismuskonzepte ist eine der Herausforderungen bei der Suche nach ökologisch verträglichen, ökonomisch rentablen und sozial gerechten Perspektiven bislang benachteiligter Regionen. Es liegt dabei auf der Hand, dass die reine Konzentration auf Formen des sogenannten Ökotourismus keine generelle Lösung bietet, da diese Konzepte meist nur auf eine zwar kaufkräftige, aber kleine Zielgruppe abgestimmt sind. Für die Zukunft ist es jedoch notwendig, dass gerade der Massentourismus derzeitiger Prägung und Intensität zunehmend Nachhaltigkeitskriterien genügt.

 

Der internationale Kreuzfahrttourismus ist ein Sektor der Tourismusindustrie, der in den letzten Jahren überdurchschnittliche Wachstumsraten aufzuweisen hatte und zu einer erheblichen Polarisierung der Diskussion über Kosten und Nutzen dieser Form von Massentourismus führte. Durch seine enge Verzahnung mit regionaler Küstenentwicklung stellt gerade der Kreuzfahrttourismus ein gutes Beispiel für die Herausforderungen einer integrierten nachhaltigen Entwicklung dar. Im Vorfeld weiterer Planungen zum Themenkomplex Tourismus – Kreuzfahrttourismus – Nachhaltige Entwicklung - wurden durch die Lighthouse Foundation zunächst verschiedene Aspekte durch Literaturauswertungen und Expertenbefragungen eingehender untersucht.

 

Konfliktpotential von Kreuzfahten

Moderne Kreuzfahrtschiffe stellen als technische Einrichtungen und als Urlaubsort in ihrem Betrieb nicht das eigentliche Konfliktpotential dar. Moderne Schiffstechnik wird überwiegend auf diesen Schiffen vorbildlich eingesetzt, Ver- und Entsorgung sind überdurchschnittlich geregelt. Dennoch verursachen die hohe Anzahl und das Verhalten der Schiffsführungen Belastungen, die z.T. die Kapazitätsgrenzen der Umwelt überschreiten.

 

Dumping und umweltgefährdende Abfallentsorgung sind immer noch eher die Regel und nicht die Ausnahmen. In besonders sensiblen Lebensräumen stellt allein die Anwesenheit der Schiffe eine erhebliche ökologische Belastung dar. Die meisten der technischen Missstände scheinen aber von den Reedereien zumindest erkannt zu sein und die offensichtlich drängenden Probleme – u.a. wegen des intensiven Drucks der Öffentlichkeit und einiger NGO, aber auch vor dem Hintergrund einer Steigerung der Produktqualität – werden durch geeignete technische Lösungen aktiv angegangen.

 

Das eigentliche Konfliktpotential mit den Zielen der Nachhaltigkeit ergibt sich aus der Wirkung der Kreuzfahrtunternehmungen in den Zielregionen. Der volkswirtschaftliche Nutzen besonders für die karibischen Zielregionen des Kreuzfahrttourismus bleibt nach wie vor umstritten und die sozio-kulturellen Effekte auf diese Regionen werden von den Betroffenen größtenteils negativ eingeschätzt. Der Beitrag zu einer für die Region langfristig nachhaltigen Entwicklung ist äußerst fraglich.

 

Angebot und Nachfrage

Kreuzfahrten sind ein sehr heterogenes Produkt. Die Kritik richtet sich weit überwiegend auf den Teilbereich der Karibikkreuzfahrten (etwa 70% des Gesamtmarktes). Und gerade hier werden von Seiten der Reedereien größere Anstrengungen unternommen, negative Effekte (kurzzeitige Touristenmassen in kleinen Hafenstädten, erforderliche Investitionen in Infrastruktur, Emissionen, Abwasser, Abfall) zu unterbinden oder zu umgehen, um nicht durch negative Schlagzeilen potentielle Kunden abzuschrecken. Dennoch erfüllt dieser wirtschaftlich wichtige Bereich die Kriterien eines langfristig nachhaltigen Tourismus absehbar nicht. Das Handeln einiger (Reedereien mit Schiffen für 5000 Personen; Touristen, die als Kunden diese Form von Kreuzfahrten nachfragen) beeinträchtigt die Entwicklungsmöglichkeiten anderer (die lokale Bevölkerung, überlieferte Traditionen, Selbstbestimmungsrechte von lokalen Interessengruppen) stark. Und dieser Grundkonflikt wird derzeit nicht aufgelöst.

 

Es ist jedoch zu beachten, dass Kreuzfahrtangebote in ihrem heutigen Erscheinungsbild (große Schiffe, wenige Zielhäfen, umfassendes Bord – Entertainment -Programm) das Resultat von Entscheidungen der Kreuzfahrt-Kunden und damit überwiegend nachfragebedingt sind. Nachhaltige Veränderungen der Angebote und Bedingungen auf dem Kreuzfahrtmarkt setzen die Einsicht der Kunden voraus und damit eine grundlegende Änderung des Konsumentenverhaltens.

 

Die notwendigen Voraussetzungen für Kreuzfahrttourismus zu schaffen und damit Kreuzfahrttouristen in die Region zu holen, gehen auch auf Entscheidung der lokalen Behörden (und Einwohner) in den Zielregionen zurück. Häufig bleiben jedoch die tatsächlichen Effekte auf die mittel- und langfristige regionale Entwicklung in den Zielregionen deutlich hinter den Erwartungen zurück. Das Verhältnis zwischen Input und Output – auf wirtschaftlicher, wie auch auf sozialer und kultureller Ebene – erscheint deutlich unausgewogen: Der wirtschaftliche Erfolg der Tourismusindustrie und Kreuzfahrtreedereien geht zu Lasten der Entwicklungsperspektiven der Zielregionen. Eine objektive Quantifizierung dieses Zusammenhangs ist aber derzeit kaum möglich, obgleich die Beispiele für negative Effekte zahlreich sind.

 

Perspektive

Die positiven Entwicklungen für einen nachhaltigen Umgang mit den vorhandenen natürlichen und kulturellen Ressourcen wie sie im Antarktistourismus und neuerdings im Nordpazifik sowie bei einigen naturorientierten Anbietern gefunden werden, stellen Ansatzpunkte für eine nachhaltige Entwicklung dieses Sektors dar. Im besonderes kritischen Bereich der Karibikkreuzfahrten erscheint unter anderem ein von den Zielregionen zu entwickelnder Code of Conduct notwendig, um eine weitere Situationsverschlechterung zu verhindern. Längerfristig lässt sich die Nachhaltigkeit von Massenkreuzfahrten nur im Kontext des industriellen Massentourismus diskutieren, dessen Auswirkungen auf die betroffenen Küstenregionen insgesamt die Auswirkungen des Kreuzfahrttourismus deutlich übersteigt, auch wenn diese besonders bei kleinen Inselgemeinschaften schneller sichtbar werden.

LF-Forum:

Kreuzfahrttourismus - Bericht 2008

Kreuzfahrttourismus - Bericht 2003

Kreuzfahrttourismus in der Antarktis

Kreuzfahrttourismus in die Arktis

Nachhaltiger Tourismus und Kreuzfahrt

Tourismus an den Meeresküsten

 

 

 

Fussnoten

(1) gemäß United Nations Division for Sustainable Development 25/08/1999

 

(2) siehe hierzu: Dr. Larry Dwyer, Prof. Peter Forsyth “The Economic Significance of Cuise Tourism”, University of Western Sydney

 

(3) gemäß „Bluewater Network`s Cruise Ship Campaign“ auf der website earthisland.org

 

(4) Der Hinweis darauf, dass offensichtlich durch das Handeln einiger (große Reedereien mit Schiffen für 5000 Personen und Touristen, die als Kunden der Reedereien diese Form von Kreuzfahrten nachfragen) werden die Entwicklungsmöglichkeiten anderer (lokale Bevölkerung; lokale Traditionen, Selbstbestimmungsrechte) auf unterschiedliche Art beeinträchtigt, reicht hierfür nicht aus.