Seitenpfad:

Veränderung der Küsten

Küstenabschnitt auf den Philippinen

> Der Küstenverlauf wird von Naturkräften beeinflusst und reagiert an vielen Stellen stark auf variierende Umweltbedingungen. Andererseits greift aber auch der Mensch in den Küstenraum ein. Er besiedelt und bewirtschaftet die Küstenzone und baut Rohstoffe ab. Diese Eingriffe stehen im Zusammenspiel mit geologischen und biologischen Prozessen und können verschiedenste Veränderungen nach sich ziehen.

Bedeutung und Eigenschaften der Küstenzonen

Die Küste ist die Schnittstelle zwischen Land, Meer und Atmosphäre. Eine einheitliche Definition für diesen Begriff gibt es nicht, denn es hängt durchaus von der jeweiligen Perspektive oder der wissenschaftlichen Fragestellung ab, ob man die Küstenzone eher als Meer oder als Land betrachtet. Vereinfacht gesagt umfasst die Küstenzone jenen Bereich, in dem das Land noch maßgeblich vom Meer und das Meer noch deutlich vom Land beeinflusst wird. Daraus ergibt sich ein komplex gestalteter Raum, der vom Menschen stark geprägt ist. Die Küstenzonen der Erde sind ausgesprochen vielfältig und nicht nur für den Menschen ungeheuer wichtig.

  • Sie umfassen etwa 20 Prozent der Erdoberfläche.
  • Sie bieten wichtige Transportwege und Industriestandorte.
  • Sie sind ein bevorzugtes Erholungs- und Tourismusgebiet.
  • Sie sind Rohstoffquelle für Mineralien und geologische Produkte.
  • Sie beinhalten wichtige Ökosysteme mit einer großen Artenvielfalt.
  • Sie wirken als eine wichtige Sedimentationsfalle, die Sedimente aus Flüssen bindet.
  • Durch ihre Pufferwirkung zwischen Land und Meer beeinflussen sie viele globale Parameter.
  • 75 Prozent aller Megastädte mit einer Einwohnerzahl von mehr als 10 Millionen befinden sich in den Küstenzonen.
  • 90 Prozent der globalen Fischerei finden in Küstengewässern statt.
  • Sie bieten mehr als 45 Prozent der Weltbevölkerung Wohn- und Lebensraum.

Ein Großteil der Weltbevölkerung lebt in den Küstengebieten, die flach sind und deren Gestalt sich innerhalb kurzer Zeiträume stark verändern kann. In keiner anderen Region der Erde wächst die Bevölkerung heute schneller als in den Küstenzonen. Entsprechend wachsen die Küstenstädte. Der Mensch besiedelt mehr und mehr Fläche. Zugleich nutzt er die Küste immer intensiver, beispielsweise durch die Erschließung von Flächen für den Bau großer Windenergieparks im Meer.

Bevölkerungs­verteilung nach Höhenlage
Bevölkerungs­verteilung nach Höhenlage. © maribus (nach Cohen und Small, 1998)

Sedimente formen Küsten

Die Gestalt einer Küste wird also durch mehrere Einflüsse geprägt. Ein wesentlicher Faktor ist die Umlagerung von Sedimenten wie Schlamm, Sand und Kies. Die Sedimente werden vor allem durch winderzeugte Wellen und Strömungen, Gezeitenströme oder Flüsse, die ins Meer münden, bewegt. Je nach Strömung wird Sediment abgetragen (Erosion), umgelagert oder abgelagert (Akkumulation). Werden Sedimente nicht nur umgelagert, sondern weggetragen, verändert sich im Laufe der Zeit die Form der Küste. Ein Beispiel ist die ostfriesische Insel Memmert, an deren Südwestseite die Strömungen so viel Sediment abgetragen hatten, dass schließlich der alte Leuchtturm bis zu seinem Abriss im Wasser stand. Ein anderes Beispiel ist der Weststrand der dänischen Nordseeinsel Rømø. Dieser wird durch Sedimentzufuhr immer breiter.

Prinzipiell gibt es zwei Hauptrichtungen des Sedimenttransports. Zum einen jene, die parallel beziehungsweise entlang der Küste führt. Zum anderen jene, die auf die Küste zu oder von der Küste weg verläuft. Je mehr Sediment abgetragen oder angelagert wird, desto stärker verändert sich die Küstengestalt. Wie schnell Sediment erodiert werden kann, hängt von seiner Beschaffenheit sowie von der Dauer und Intensität der Wind- und Wasserströmungen ab. Eine starke Sturmflut etwa kann innerhalb weniger Stunden gewaltige Mengen Sediment forttragen. Besteht die Küste aus hartem Fels, der erosionsresistenter ist als locker gelagerter Sand, verändert sich die Gestalt der Küste vergleichsweise langsam. Küstenrückgang ist meist die Folge von Erosion: Mehr Sediment geht verloren, als die Strömungen nachliefern. Allerdings lässt sich der Entwicklungsstatus einer Küste nicht allein am Sedimentbudget festmachen. Es gibt Küstenabschnitte, die langfristig stabil sind, da Sediment lediglich an ihnen entlang transportiert wird. In vielen Küstenregionen wird der natürliche Sedimenteintrag heute durch Bauwerke wie etwa Staudämme behindert. Zwar sind nur 20 Prozent der Küstengebiete weltweit Lockergesteinsküsten aus Sand, Schlick oder Kies, doch mehr als die Hälfte ist heute von Erosion betroffen. Natürlich passen sich die Lockergesteinsküsten grund­sätzlich schnell an Veränderungen an, weil sich die Sedimente vergleichsweise leicht umlagern – Materialdefizite an einer Stelle werden durch neue Sedimentanlieferung wieder ausgeglichen. Doch ob der Charakter einer solchen Küste erhalten bleibt, hängt im Einzelfall vor allem von der Anstiegsrate des Meeresspiegels, der Stabilität des Sediments und der Sedimentzufuhr ab. Selbst Küstenschutzmaßnahmen tragen nicht nur zum Erhalt von Küsten bei. Sie können Küsten auch verändern. So ist es durchaus möglich, dass man durch den Schutz eines Küstenabschnitts andere Bereiche schädigt. Schützt man ein Gebiet durch Bauwerke wie Wellenbrecher vor Erosion­, bleibt an benachbarten, nicht geschützten Gebieten möglicherweise die existenziell wichtige Sedimentzufuhr aus. Verglichen mit Lockergesteinsküsten werden die Folgen eines Meeresspiegelanstiegs an Steil- und insbesondere Festgesteinsküsten weit weniger schwerwiegend sein. Weltweit machen Steil- und Festgesteinsküsten rund 80 Prozent aller Küsten aus.

Sedimente lassen die Erdkruste sinken

Dass Küstengebiete unter dem Gewicht eiszeitlicher Gletschermassen absinken, leuchtet ein. Doch auch Sedimente können sich zu solch mächtigen Paketen ablagern, dass sie die Lithosphäre, die Erdkruste, niederdrücken. Diese senkt sich zunächst ab und hebt sich später wieder, wenn die Belastung nachlässt. Im Fall der Gletscher geschieht das, wenn nach dem Ende der Eiszeit das Eis taut. Die Ausgleichsbewegungen können über mehrere Zehntausend Jahre andauern. Ein Beispiel ist die skandinavische Landmasse, die sich noch heute jährlich um bis zu 9 Millimeter hebt. Manchmal richtet sich die Erdkruste dabei ungleichmäßig auf, sodass ein Teil weiter absinkt, während sich der andere hebt. Mächtige Sedimentpakete bilden sich häufig in Deltaregionen, wo die Flüsse Unmengen von Sediment ins Meer spülen. Durch das Anhäufen der Sedimente gibt die Lithosphäre allmählich nach. Dadurch sinkt der Untergrund ab, sodass der Meeresspiegel relativ zum Land ansteigt. In manchen Fällen wird dieses isostatische Absinken durch die langsam in die Höhe wachsenden Sedimentmassen kompensiert. In anderen Fällen aber wird das Sediment selbst durch die zunehmende Auflast zusammengedrückt, sodass die Landmasse dennoch sinkt. Auch der Mensch beeinflusst das Absinken, beispielsweise durch die Förderung von Grundwasser, Erdöl oder Erdgas etwa im Niger-Delta. Es gibt Regionen, in denen sich die Landoberfläche durch das Zu­sam­men­spiel der genannten Faktoren um bis zu 5 Zentimeter jährlich absenkt. Der Meeresspiegel steigt dort entsprechend.

Der Mensch prägt das Gesicht der Küsten

Die Sedimentation hat in den vergangenen 8000 Jahren seit der letzten Phase des nacheiszeitlichen Meeresspiegelanstiegs erheblich zur Küstenentwicklung beigetragen. Durch Ablagerung von transportiertem Material wuchs die Küstenlandfläche, in bestimmten Regionen entstanden große Flussdeltas. Vor allem Flüsse sind wichtige Transportbänder, die Sedimente zur Küste tragen. Wie viel sie transportieren, hängt von mehreren Faktoren ab:

  • der Größe des Flusseinzugsgebiets von der Quelle bis zur Mündung;
  • dem Relief des Einzugsgebiets (Flüsse mit steilem Relief, die etwa durch Gebirge fließen, transportieren mehr Sediment als Flüsse, die durchs Flachland fließen);
  • der Gesteins- und Sedimentzusammensetzung (zum Beispiel der Korngröße) oder der Menge des aufgrund von Verwitterung und mechanischer Erosion verfügbaren Sediments;
  • dem Klima im Einzugsgebiet und dessen Auswirkung auf die Verwitterung;
  • der Menge des abfließenden Oberflächenwassers und der Speicherkapazität des Bodens (wie viel Wasser abfließt, hängt auch von den Niederschlagsmengen ab, die wiederum vom Klima beeinflusst werden).

Waldrodung, Überweidung und ungünstige Felderwirtschaft führen besonders in tropischen Regionen zu forcierter Bodenerosion. Werden die Sedimente nicht durch Staudämme zurückgehalten, lagern sie sich vor allem im Küstengebiet ab. Das kann Konsequenzen haben: Zum einen können die Sedimente das Wasser trüben, die Gewässergüte verändern und dadurch die Wasserorganismen erheblich beeinträchtigen. Die Trübung vermindert zudem die Lichteinstrahlung und setzt damit die Primärproduktion herab. Andererseits kann es aber auch zu Algenblüten kommen, weil mit den Sedimenten zugleich viele Nährstoffe in die Flüsse und ins Küstenmeer gespült werden. Sterben diese Algen ab, werden sie von Mikroorganismen zersetzt, die Sauerstoff verbrauchen. Dadurch entstehen lebensfeindliche, sauerstoffarme Zonen. Die Artenvielfalt schrumpft in diesen Gebieten.

In vielen Regionen herrscht hingegen ein Mangel an Sedimenten, weil Staudämme das Wasser zurückhalten. Weltweit sind mehr als 41 000 große Staudämme in Betrieb. Hinzu kommen viele kleinere Dämme und Wasser­reservoirs. Zusammen stauen sie 14 Prozent des weltweiten Gesamtabflusses der Flüsse und gewaltige Mengen Sediment. Damit geht der Küste Sedimentnachschub verloren. Die Erosion verstärkt sich. Fatal ist dieses Sedimentdefizit dort, wo der Boden unter den alten, schweren Sedimentpaketen absinkt. Hier fehlt dann frisches Sediment, das sich dort normalerweise ablagern und damit das Absinken kompensieren würde. Sinkt das Land ab, sickert sukzessive Salzwasser in den Flussmündungsbereich, sodass das Grundwasser versalzt. Ein Beispiel dafür ist der Nil. Vor dem Bau des Assuan-Staudamms spülten jährlich wiederkehrende Überschwemmungen fruchtbare Sedimente aus dem Landesinnern in das Nil-Delta am Mittelmeer. Die Sedimente waren nicht nur für die Bauern an den Ufern des Nils lebenswichtig, sondern auch essenziell, um das Absinken der schweren Deltaregion zu kompensieren. Mit dem Dammbau in den 1960er Jahren blieben die Überflutungen und Sedimenttran­­s­­porte aus: Nachhaltige Ernterückgänge und massive Küstenerosion sind die Folge. Ähnliche Probleme sind für den vor Kurzem fertiggestellten Drei-Schluchten-Staudamm in China im Jangtse-Delta zu erwarten.

Neue Untersuchungen von der nordamerikanischen Atlantikküste, die mit der Auswertung von Satellitenbildern und topographischen Karten einen Zeitraum von mehr als 100 Jahren umfassen, legen nahe, dass auch der Meeresspiegelanstieg die wichtige Sedimentation behindert und zu einer Veränderung der Küsten führen wird. So nimmt man an, dass ein Meeresspiegelanstieg um 1 Meter im Mittel einen Küstenrückgang von etwa 150 Metern nach sich ziehen wird. Die Forscher gehen dabei davon aus, dass sich die Sedimentbilanz (Erosion und Ablagerung) im Gleichgewicht befindet. Die genannten Beispiele machen jedoch deutlich, dass das kaum der Fall ist. Bei den Berechnungen müsste man daher zumindest den Sedimenttransport entlang der Küste und die Änderungen des Sedimentationsgleichgewichts berücksichtigen, die der Meeresspiegelanstieg bewirken wird. Dies ist im Detail bisher nicht der Fall. Der Küstenrückgang könnte daher noch drastischer ausfallen.

Die Auswirkungen des Wasserbaus

In vielen Flussmündungsgebieten wechseln sich Ein- und Ausstrom von Meerwasser im Rhythmus der Gezeiten ab und vermischen sich dabei mit dem kontinuierlich abfließenden Frischwasser des Flusses. Mitgeführte Sedimente von Land und von See können sich bei nachlassender Strömung ablagern. Der Sedimenthaushalt befindet sich in einem sensiblen Gleichgewicht. Der Bau von Dämmen, die Vertiefung von Fahrrinnen oder andere Baumaßnahmen können dieses Gleichgewicht erheblich stören. Die Auswirkungen sind oftmals schwerwiegend. Stark umstritten sind heute unter anderem die Fahrrinnenvertiefungen. 95 Prozent des globalen Handels werden über den Schiffsverkehr abgewickelt. Die großen Häfen der Welt liegen aus logistischen Gründen überwiegend an Flussmündungen. Da immer größere Schiffe mit entsprechendem Tiefgang zum Einsatz kommen, müssen die Fahrrinnen vertieft werden. Zusätzlich werden die Schiffswege durch Uferbauwerke stabilisiert und die Strömung durch Leitwerke optimiert. Wegen der Fahrrinnenvertiefungen können Sedimente mit darin gebundenen Schadstoffen freigesetzt werden. Zudem kann sich die Fließgeschwindigkeit erhöhen, was Sedimentumlagerun­gen verstärkt. Auch der Tidenhub kann durch das größere ein- und ausströmende Wasservolumen ansteigen. Das wirkt sich ebenfalls auf den Sedimenthaushalt aus, denn schneller strömendes Wasser hat mehr Energie, um Sedimente zu bewegen. Meeresspiegelanstieg und Hochwasserereignisse verstärken diese Effekte. Schon jetzt diskutiert man, wie sich all das auf die Standsicherheit der Flussdeiche auswirkt. Der intensive Schiffsverkehr verschärft die Situation noch, weil durch den Wellenschlag der Schiffe oftmals das Flussufer erodiert. Die Entnahme von Sediment oder Sand – beispielsweise für Strandaufspülungen auf der Insel Sylt – verändern die Gestalt des Meeresbodens. Langfristig kann sich das durchaus auf den Schutz der Küste auswirken. So ist es möglich, dass eine Seegrundvertiefung die Wellenbrecherzone Richtung Land verlagert. Darüber hinaus wird durch die Sandentnahme der Lebensraum der Meeresorganismen verändert. Das geschieht aber auch im umgekehrten Fall, wenn Sand aufgeschüttet, beispielweise als Baggergut im Meer verklappt wird. Diese Sedimente stammen zu 80 bis 90 Prozent aus Maßnahmen wie Fahrrinnenvertiefungen. Hunderte Millionen Kubikmeter Sediment werden jährlich weltweit verklappt. Die im Bereich der Verklappstellen lebenden Meeresbewohner werden überdeckt, sofern sie nicht fliehen können.

Deiche schützen tiefliegende Küstenbereiche
Wäre die Küste nicht durch Deiche geschützt, ergäbe sich bei einem Meeresspiegelanstieg von 2 Metern ein solches Bild. Die rot gefärbten Gebiete wären dann permanent überflutet. Nach den aktuellen Prognosen könnte der Meeresspiegel bereits bis Ende dieses Jahrhunderts um 180 Zentimeter steigen. © maribus (nach Brooks et al., 2006)

Wenn die Küstenstädte wachsen

Auch durch das ungeheure Wachstum der Küstenstädte schädigt der Mensch den Lebensraum. Oft müssen neue Landflächen im Meer dazugewonnen werden, um Raum für die ausufernde Bebauung zu schaffen. So sind weltweit schon mehrere Großprojekte wie der Bau des Flug­hafens Hongkong angeschoben worden. Für das Areal wurde eine Fläche von mehr als 9 Quadratkilometern aufgespült. Grö­­ße­re Dimensionen erreicht der Hafen von Tianjin in Chi­­na, der rund 30 Quadratkilometer Meeresfläche verschlingt. Diese Eingriffe haben zweifellos Auswirkungen auf die unmittelbar angrenzende Küstenzone. Beispielsweise lösten Aufschüttungen einer Fläche von 180 Hektar zum Bau des Flughafens in Nizza 1979 einen verheerenden Erdrutsch aus. Dieser hatte einen Tsunami zur Folge, der 23 Menschen das Leben kostete.

Der Klimawandel verändert die Küsten

Um das künftige Schicksal der Küsten richtig einschätzen zu können, müssen Forscher zunächst klären, ob die heute messbaren Veränderungen tatsächlich auf einen Klimawandel zurückzuführen oder ob sie das Ergebnis natürlicher Klimavariabilität sind. Von einem Klimawandel kann man erst dann sprechen, wenn sich klimatisch bedingte Veränderungen statistisch nachweisbar von natürlichen Schwankungen abheben. Klimawandel ist also nicht mit Klimavariabilität gleichzusetzen. Die Wissenschaftler benötigen dafür Messwerte und Beobachtungen, die repräsentative Zeiträume abdecken. Schon heute weiß man, dass die globale Erwärmung nicht an allen Orten gleichermaßen zu höheren Luft- und Wassertemperaturen führen wird und dass es keineswegs immer allein um die Veränderung der Temperatur geht. Die Folgen des Klimawandels können völlig unterschiedlich sein. Die folgenden Beispiele machen das deutlich.

Schmelzen von Meereis und Auftauen von Permafrostböden

Das Meereis der subpolaren und polaren Küstengewässer wirkt wie ein Puffer zwischen der Atmosphäre und dem Meerwasser. Es verhindert, dass Stürme Wellen aufbauen, die als Brandung gegen die Küsten rollen und dort Sedimente abtragen. Verkleinern sich die Eismassen durch das Abschmelzen, geht diese Pufferwirkung verloren. Auch Sedimente, die zuvor durch die Eisbedeckung geschützt waren, werden verstärkt erodiert. Dauerhaft steinhart ge­­frorene Böden, sogenannte Permafrostböden, tauen auf. Auch sie werden an der Küste durch Wind und Wellen viel stärker abgetragen als die gefrorene Landmasse. Andererseits aber findet die typische Bodenerosion durch Eisberge und Gletscher nicht mehr statt.

Veränderung der Süßwasserbilanz, des Niederschlags und des Sedimenteintrags

Der Klimawandel wird vermutlich dazu führen, dass die Inlandgletscher abschmelzen und zugleich die Menge des für den Erhalt der Gletscher nötigen Neuschnees zurückgeht. Damit wird sich nach und nach auch der Abfluss von Süßwasser aus den Bergen verringern. Wasserknappheit könnte die Folge sein. Die Menschen könnten dem begegnen, indem sie Wasser verstärkt in Reservoiren zurückhalten. Allerdings gelangt dann weniger Süßwasser und weniger Sediment ins Meer. Zugleich werden andernorts mit der globalen Erwärmung erhöhte Niederschlagsraten erwartet – beispielsweise in den Monsunregionen der Welt. Die starken Monsunregen und Wasserabflüsse werden vermehrt zu Überschwemmungen führen und große Mengen an Sedimenten und Nährstoffen über die Flüsse ins Küstenmeer spülen.

Überflutung von Inseln und Küsten

Der durch den Klimawandel bewirkte Meeresspiegelanstieg wird zur Überflutung vieler Küstengebiete und Inselgruppen führen. Es wird erwartet, dass diese Regionen nicht nur kurzzeitig, sondern permanent überschwemmt sein werden. Diese Überflutungen kann man also nicht mit den vorübergehenden, eher episodenhaften Überschwemmungen von Landgebieten gleichsetzen, die in näherer Zukunft häufiger eintreten werden. Schon im kommenden Jahrhundert oder kurz danach könnte der Meeresspiegelanstieg die 2-Meter-Marke erreichen. Dieses Szenario basiert allerdings nur auf topographischen Daten. Deiche und andere Schutzbauten werden dabei nicht berücksichtigt. In der Simulation lässt man die Wassermassen einfach über die Küstenform strömen. Auch bezieht dieses Modell den verstärkten Abtrag von Land durch Küstenerosion nicht mit ein, der mit dem Anstieg des Meeresspiegels vermutlich einhergehen wird. Durch die Erosion dürfte sich die gesamte Küsten- und damit auch die Brandungszone landeinwärts verschieben. Damit wirkt die zerstörerische Kraft des Wassers auf ehemals geschützte Bereiche der Küste ein. Auch heute schon reißen Sturmfluten schützende Vegetation fort. Diese Effekte werden sich künftig intensivieren. Die eigentlich flach ansteigende Küste, auf der die Brandung ausrollen kann, wird steiler. Dieses steile Küstenvorland bietet künftigen Stürmen mehr Angriffsfläche. Die Erosion gewinnt an Dynamik. Das Küstenvorland verliert seine Pufferwirkung. Zu den gefährdeten Regionen gehören auch Gebiete, die heute noch durch Deiche geschützt werden. Zwar wird bei Deichbauten an der Nord- und Ostsee auf die Bemessungshöhe der Deichkrone zusätzlich zu den maximalen Sturmereignissen ein Klima-Sicherheitsfaktor von 30 bis 90 Zentimetern aufgeschlagen, um den künftigen Meeresspiegelanstieg zu berücksichtigen. Bei einem Meeresspiegelanstieg von 2 Metern aber wird das nicht ausreichen. Schon heute liegen viele dicht besiedelte Ge­bie­te im Nordseeraum unterhalb des Mittleren Tidehochwassers beziehungsweise im Ostseeraum auf heutigem Meeresspiegelniveau.

An anderen Küsten wiederum befinden sich komplexe und bedeutende Ökosysteme. Diese produzieren Biomasse, die mitunter einen direkten Einfluss auf die Gestalt der Küste hat. Durch das Wachstum von Korallen etwa können neue Inseln entstehen. Zugleich sind Korallenbänke wichtige Bollwerke, die die Brandung brechen. Manchmal kompensiert das Korallenwachstum sogar den Anstieg des Meeresspiegels. Ob die Bildung neuer Korallen auch künftig mit dem Anstieg des Meeresspiegels mithalten kann, hängt auch von der Geschwindigkeit des Anstiegs und von der Wassertemperatur ab. Fachleute befürchten, dass sich mit dem Klimawandel die Lebensbedingungen der anpassungsfähigen, aber sensiblen Korallen verschlechtern; erstens, weil die Wassertemperatur mancherorts für sie schon heute zu hoch ist; zweitens, weil die Korallen mit dem prognostizierten Meeresspiegelanstieg oder eventuellen Küstensenkungen kaum werden Schritt halten können. An anderen flachen Küstenabschnitten wie etwa Flussmündungen sind Mangroven und Marschen von Überflutung bedroht, die heute ebenfalls ein natürlicher Schutz gegen Sturmfluten sind. Versinken die Mangroven und Marschen, können Wellen weit ins Land vordringen und großen Schaden anrichten. Nur in ganz seltenen Fällen werden solche Veränderungen durch einen verstärkten Sedimenteintrag aus dem Hinterland kompensiert.

  • Tidehochwasser und Springtide Mit dem Mittleren Tidehochwasser (MThw) bezeichnet man den durchschnittlichen Hochwasserstand an einem bestimmten Ort an der Küste. Besonders hoch über dem MThw auflaufende Fluten sind die Springfluten oder Springtiden. Sie treten regelmäßig bei bestimmten Stellungen von Sonne und Mond ein. Gefährlich wird es an der deutschen Nordseeküste, wenn schwere Weststürme mit der Springtide zusammenfallen.

Extreme Wasserstände

Derzeit geht man davon aus, dass durch die globale Erwärmung Extremwetterereignisse wie etwa tropische Wirbelstürme oder Sturmfluten häufiger auftreten. Diese dürften die Folgen des Meeresspiegelanstiegs noch verschärfen, denn wenn der Meeresspiegel höher liegt, ist die zerstörerische Kraft eines Sturms an der Küste noch deutlich größer. Experten erwarten vor allem für die gemäßigten und tropischen Regionen eine erhöhte Sturmaktivität. Ob die Häufigkeit und Stärke der Stürme weltweit zunehmen werden, darüber gibt es derzeit noch keinen Konsens, da verschiedene wissenschaftliche Rechenmodelle und Messdaten unterschiedliche Ergebnisse liefern.

Sturmfluten entstehen durch das Zusammenspiel von Sturmsystemen und Gezeiten. Wenn bei Flut, speziell bei Springflut, Sturmwinde das Wasser gegen die Küste drücken, potenziert sich das Überschwemmungsrisiko für große Landstriche. Solche Stürme können mehrere Tage anhalten und das Wasser so stark ansteigen lassen, dass es noch nicht einmal bei Ebbe abfließt. Stürme können auch in Nebenmeeren wie der Ostsee, in denen es kaum Gezeiten gibt, verheerende Auswirkungen haben. Wie in einer Badewanne staut der Wind die Wassermassen in einem Teil des Beckens, die dann zurückschwappen, sobald der Wind nachlässt oder dreht. Bläst er nun etwa aus entgegengesetzter Richtung, verstärken sich beide Faktoren und der Wasserstand kann an der deutschen Ostseeküste um mehr als 3 Meter ansteigen. Durch starke Niederschläge wird diese Situation verschärft, da das Regen- oder Flusshochwasser wegen des dann ohnehin hohen Wasserstands an der Küste nicht abfließen kann.

Häufung der Hochwasser

Durch den Anstieg des Meeresspiegels nimmt nicht allein die Wasserstandshöhe zu. Fatal ist, dass besonders hohe Sturmflutwasserstände immer häufiger eintreten, wie das Beispiel der Sturmflutgefährdung für Deutschland zeigt: Bei einem Meeresspiegelanstieg von 1 Meter werden bedrohliche Sturmfluten häufiger eintreten, weil das Basisniveau nun um 1 Meter höher liegt. Dann könnte ein Jahrhundert-Wasserstand, wie er bei der Sturmflut von 1976 an der deutschen Nordseeküste eingetreten ist, künftig alle zehn Jahre passieren. Die Wiederholungswahrscheinlichkeit von schweren Sturmfluten wird sich also deutlich erhöhen. An der deutschen Ostseeküste mit ihren geringeren Sturmflutwasserständen wäre dieser Effekt sogar noch ausgeprägter: Ein Jahrhundert-Hochwasser mit einer Höhe von 2,50 Meter über Normalnull (NN) würde dort sogar alle zwei bis fünf Jahre eintreten.