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Lebensraum Küsten

Küstenstreifen auf den Philippinen

> Mehr als eine Milliarde Menschen leben heute in tief liegenden Küstenregionen – die meisten davon in Asien. Einige dieser Gebiete könnten schon im Laufe dieses Jahrhunderts überschwemmt werden. Die Bewohner werden Strategien gegen das Wasser entwickeln oder Gebiete aufgeben müssen. Seit einiger Zeit versucht man zu ermitteln, welche Regionen es am härtesten treffen wird.

Die bange Frage, wie schlimm es wird

Die vom Menschen durch intensive Nutzung stark in Mitleidenschaft gezogenen Küstenräume geraten durch den Klimawandel immer mehr unter Stress. Es stellt sich die Frage, ob oder inwieweit diese auch in den kommenden Jahrzehnten bis Jahrhunderten ihre elementare Bedeutung als Lebens- und Wirtschaftsraum behalten können oder ob sie sich vielmehr zu einer Bedrohung des Menschen entwickeln. Offen ist auch, wie stark sich die Küsten­ökosysteme und Lebensräume wie zum Beispiel Mangroven, Korallenriffe, Seegraswiesen und Salzmarschen verändern werden, die vielerorts Lebens- und Nahrungsgrundlage der Küstenbewohner sind. Mit verschiedenen Studien haben Wissenschaftler in den vergangenen Jahren versucht, das Ausmaß der vom Meeresspiegelanstieg ausgehenden Gefährdung abzuschätzen. Um die gefährdete Fläche entlang der Küsten erfassen zu können, muss man zunächst analysieren, wie hoch die Landflächen weltweit über dem Meeresspiegel liegen. Das ist schwierig, weil es für viele Küstenregionen bisher noch keine verlässlichen topographischen Karten gibt. Grob geschätzt leben weltweit mehr als 200 Millionen Küstenbewohner unterhalb von 5 Metern (über Normalnull). Diese Zahl wird bis zum Ende des 21. Jahrhunderts auf schätzungsweise 400 bis 500 Millionen ansteigen.

Darüber hinaus werden in diesem Zeitraum die Millionenstädte an den Küsten weiterwachsen. Neue Städte kommen hinzu – insbesondere in Asien. Für Europa schätzt man, dass bei einem Meeresspiegelanstieg von 1 Meter etwa 13 Millionen Menschen bedroht sein würden. Die Folgen wären unter anderem hohe Kosten für Küstenschutzmaßnahmen. In Extremfällen könnten Um­sied­lungs­maß­nahmen notwendig werden. Unterhalb von 20 Metern leben heute weltweit insgesamt sogar eine Milliarde Menschen auf einer Landfläche von etwa acht Millionen Quadratkilometern. Das entspricht etwa der Fläche Brasiliens. Allein diese Zahlen machen klar, wie schwer ein Verlust der Küstengebiete wiegen würde. Die Untergruppe Küstenmanagement (Coastal Management Subgroup) des IPCC legt weitere Merkmale zugrunde, um die Verletzlichkeit der Küstengebiete zu ermitteln und die Gefährdung einzelner Küstenländer miteinander vergleichen zu können:

  • die ökonomische Wertschöpfung (Bruttoinlandsprodukt, BIP) im überflutungsgefährdeten Gebiet;
  • die Ausdehnung der urbanen Siedlungsflächen;
  • die Ausdehnung der landwirtschaftlichen Nutzflächen;
  • die Zahl der vorhandenen Arbeitsplätze;
  • die Größe/Ausdehnung der Küstenfeuchtgebiete, die als Überflutungspuffer dienen können.

Mittlerweile hat man recht genau ermittelt, welche Nationen besonders betroffen sein würden, weil dort ein extrem hoher Anteil der Bevölkerung in der Küstenregion lebt. Vor allem Bangladesch und Vietnam sind demnach speziell gefährdet. Auf den niedrig gelegenen Insel­archi­pelen wie etwa den Malediven und den Bahamas ist inzwischen nahezu die gesamte Bevölkerung und damit auch der größte Teil der Volkswirtschaft bedroht. Nach absoluten Werten nimmt China den ersten Rang ein. Zu den stark bedrohten Gebieten in Europa zählen vor allem der Osten Englands sowie der Küstenstreifen, der sich von Belgien über die Niederlande und Deutschland bis nach Dänemark zieht, außerdem die südliche Ostseeküste mit den Mündungen von Oder und Weichsel. Auch am Mittelmeer und am Schwarzen Meer gibt es dicht besiedelte, überflutungsgefährdete Räume zum Beispiel das Po-Delta in Norditalien und die Lagune von Venedig sowie die Deltas von Rhône, Ebro und Donau. Schon heute liegen einige dicht besiedelte Gebiete in den Niederlanden, England, Deutschland und Italien unterhalb des normalen Flutwasserstands. Diese Gebiete wären ohne Küs­tenschutzmaßnahmen also be­reits überflutet. Die Frage, wie schnell der Meeresspiegel steigt, ist für diese Regio­nen deshalb von besonderem Interesse. Schon heute muss geklärt werden, wie der Küstenschutz intensiviert werden kann, wie sich die Gesellschaft anpassen kann oder ob künftig sogar Siedlungen aufgegeben werden müssen. Aufgrund fehlender Küstenschutzmaßnahmen wird vermutlich bereits ein moderater Meeresspiegelanstieg von nur wenigen Dezimetern zahlreiche Küstenbewohner in vielen Gebieten Asiens, Afrikas und Lateinamerikas aus ihrer Heimat vertreiben und damit zu Meeresflüchtlingen machen. Die volkswirtschaftlichen Schäden dürften be-trächtlich ausfallen. Die Infrastrukturen großer Hafenstädte und vor allem die regionalen Handels- und Transportnetzwerke, die oft über Küstenschifffahrt oder über Flüsse abgewickelt werden, wären ebenfalls davon betroffen. Fachleute haben recht genau bilanziert, welche Konsequenzen der Meeresspiegelanstieg für die deutschen Küstengebiete hat.

Sandaufspülung und Buhnenbau zur Sichderung der Ostseeküste
Mit Sandaufspülungen und dem Bau von Buhnen als Wellenbrechern sollen an der Ostseeküste verloren gegangenes Land ersetzt und weitere Landverluste verhindert werden.
Küstenabschnitt nahe Legaspi, Philippinen
In vielen Regionen der Erde, wie hier auf den Philippinen, leben Menschen in unmittelbarer Nähe zum Meer, der wichtigsten Versorgungsquellle. Der Meeresspiegelanstieg wird die besondern flachen Küstenabschnitte absehbar unbewohnbar machen und die Bevölkerung aus zahlreichen Regionen vertreiben.

Wer nicht deichen will, muss weichen

Seit Menschen Küsten besiedeln, müssen sie sich mit dem Wandel ihres Lebensraums und der Bedrohung durch Stürme und Überflutungen arrangieren. Im Laufe der Zeit entwickelten die Küstenbewohner Schutzstrategien, mit denen sie sich gegen die Naturgewalten zur Wehr setzten. Heute unterscheidet man vier Strategien, die keineswegs immer langfristig erfolgreich sind:

  1. Anpassung von Gebäuden und Siedlungen (Warften, auf Erdhügeln erbaute Höfe, Pfahlbauten und andere Maßnahmen);
  2. Schutz/Verteidigung durch den Bau von Deichen, Sperrwerken oder Ufermauern;
  3. Rückzug durch Aufgabe oder Verlagerung gefährdeter Siedlungen (Migration);
  4. Abwarten in der Hoffnung, dass die Bedrohung nachlässt oder sich räumlich verlagert.

In Europa und auch Teilen von Ostasien (Japan, China) hat sich früh eine Risikokultur entwickelt: Auf die Phasen des Rückzugs und der Anpassung bis zum Mittelalter folgte in jüngerer Zeit die Strategie der Verteidigung, die dann auch in einigen später besiedelten Räumen wie Nord­amerika übernommen wurde. Es ist teuer und technisch aufwendig, niedrig gelegene Gebiete und Küstenstädte wirkungsvoll gegen Überflutung, Landverlust, Vernässung oder Grundwasserversalzung zu schützen. Das Beispiel der Niederlande aber zeigt, dass eine kleine und wohlhabende Industrienation durchaus in der Lage ist, angesichts eines hohen Gefährdungspotenzials die Strategie der Verteidigung langfristig zu verfolgen – immerhin liegen knapp zwei Drittel des Landes unter dem normalen Flutwasserstand. Auch Deutschland betreibt einen vergleichsweise hohen Aufwand, um die deutlich längere Küstenlinie instand zu halten und durch Deiche und andere Bauten zu schützen. Jährlich geben die Niederlande und Deutschland zusammen circa 250 Millionen Euro für den Küstenschutz aus. Das sind zwar nur 0,01 Prozent des deutschen und 0,05 Prozent des niederländischen Brutto-national­einkommens, jedoch ist zu bedenken, dass diese Summen allein für die Erhaltung beziehungsweise Verstärkung bereits bestehender Küstenschutzanlagen aufgewendet werden. Viele ärmere Küsten- und Inselnationen sind nicht in der Lage, Küstenschutz in ähnlich großem Stil zu betreiben. Ihnen bleiben bei steigendem Meeresspiegel nur die Alternativen Anpassung oder Rückzug. Doch auch Umsiedlungsprojekte, wie sie seit 2007 auf den Carteret-Inseln, die zu Papua-Neuguinea gehören, durchgeführt werden, sind teuer. Die Kosten der Migration von 1700 Personen sind noch nicht genau abzuschätzen, werden aber viele Millionen US-Dollar kosten.

Für die verschiedenen Auswirkungen des Meeresspiegelanstiegs gibt es unterschiedliche Bekämpfungs- und Handlungsstrategien. Ob eine Maßnahme regional oder lokal angewendet wird, hängt vor allem von den Kosten und den geologischen Gegebenheiten vor Ort ab. Im Ganges-Brahmaputra-Delta von Bangladesch etwa würden schwere Seedeiche im weichen Untergrund absacken. Außerdem fehlt es an Geld, um Hunderte Kilometer Deich zu errichten. Die Kosten für ein solches Deichbauprojekt dürften bei mehr als 20 Milliarden Euro liegen – gut hundert Mal mehr als die jährlichen Küstenschutzkosten der Niederlande und Deutschlands zusammen. Die nationale Wirtschaft Bangladeschs würde das nicht verkraften. In anderen Gebieten fehlt es schlicht an Baumaterial, um die Küste zu schützen. Auf Koralleninseln fehlt es vielfach an Sediment für Aufspülungen sowie an Platz und Baumaterial für Deiche und Mauern. Selbst wenn ausreichend Geld zur Verfügung stünde, würden diese Inseln dem Meeresspiegelanstieg weitgehend schutzlos ausgeliefert bleiben. Die Bedrohung durch den Meeresspiegelanstieg wird dort heute auch dadurch verschärft, dass Korallenkalk aus den Riffen entnommen und zum Bau von Hotelkomplexen verwendet wird.Was der steigende Meeresspiegel für die Küsten- und Inselnationen und ihren Küstenschutz im 21. Jahrhundert bedeuten mag, ist erst in Ansätzen absehbar und hängt entscheidend von Umfang und Geschwindigkeit der Entwicklung ab: Wenn der Meeresspiegel bis 2100 um deutlich mehr als einen Meter ansteigt, dann werden die Deiche und Schutzbauwerke vielerorts nicht mehr hoch oder stabil genug sein. In vielen Regionen wird man neue Hochwasserschutzanlagen errichten und die Entwässerung im Binnenland aufwendig ausbauen müssen. Experten erwarten, dass die jährlichen Ausgaben für den Küstenschutz in Deutschland auf etwa eine Milliarde Euro klettern könnten – bei zu schützenden Sachwerten hinter den Deichen in Höhe von 800 bis 1000 Milliarden Euro. Weltweit dürfte der Aufwand tausendfach höher liegen. Während für einige Länder der Kostenaufwand für Verteidigungs- und Anpassungsmaßnahmen lohnend erscheint, weil sich hinter den Deichen große volkswirtschaftliche Werte angehäuft haben, werden vor allem die ärmeren Küstengebiete wohl verloren gehen oder unbewohnbar werden. Die Bewohner werden zu Umweltflüchtlingen.Vermutlich können Industrieländer noch einige Zeit mit teurer und aufwendiger Küstenschutztechnologie das Meer zurückhalten. Aber die Verteidigungsstrategie wird selbst dort langfristig der Anpassung oder gar dem Rückzug weichen müssen. Extrem aufwendige Verteidigungsanlagen wie die Sperrwerke von London, Rotterdam und Venedig werden wohl Einzelprojekte bleiben. Für die meis­ten anderen Gebiete wird es sinnvoller sein, moderne Risikomanagement-Konzepte zu entwickeln, um die Risiken beherrschbarer zu machen. 

Meeresspiegelanstieg
3.15 > Der Anstieg des Meeresspiegels wirkt sich auf die Küsten und ihre Bewohner unterschiedlich aus. Der Mensch kann sich durchaus mit Gegenmaßnahmen schützen. Die Kosten des Schutzes können aber beträchtlich sein und langfristig den Nutzwert übersteigen. Die Maßnahmen werden unterschieden in: [S] – Schutzmaßnahmen, [A] – Anpassungsmaßnahmen und [R] – Rückzugsmaßnahmen. © maribus (nach Schrottke, Stattegger und Vafeidis, Universität Kiel)
Tabelle 3.16
3.16 > Staaten mit der weltweit höchsten Bevölkerungszahl und dem höchsten Bevölkerungsanteil in niedrig gelegenen Küstengebieten. Ausgenommen sind Länder mit weniger als 100 000 Einwohnern. Nicht berücksichtigt wurden ferner 15 kleine Inselstaaten mit einer Gesamtbevölkerung von 423 000 Einwohnern. © maribus (nach Sterr)

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