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Watt und Wattenmeer - Amphibischer Lebensraum auf weichem Grund

Dort, wo durch die Gezeiten der Meeresspiegel um mehr als einen Meter schwankt, bildet sich an flachen Küsten ein breiter Saum, der für viele Stunden vom Meerwasser überspült ist und viele Stunden trocken fällt. Wegen der geringen Wassertiefe ist die Brandung weniger stark an der Formung des Meeresbodens beteiligt als das aus- und einströmende Wasser. Das Meer führt feine Sedimente, Sand, Plankton und Nährstoffe heran, die sich bei geringen Strömungsgeschwindigkeiten ablagern. Dieser als Watt bezeichnete amphibische Lebensraum beherbergt eine erstaunliche Vielfalt pflanzlicher und tierischer Organismen, die den Boden mit organischem Material anreichern und Teil eines verzweigten Nahrungsgefüges sind.

 

In den vom Salzwasser beeinflussten Uferbereichen und den Salzwiesen leben etwa 2.300 Arten.
Organismengruppen und deren Artenzahlen in den dauerhaft und regelmäßig überfluteten Bereichen des Nordsee-Wattenmeeres (nach Wolff, Heydemann 1998)

In den verschiedenen Klimaregionen der Erde bilden sich unterschiedliche Watttypen heraus. Beispielsweise können die Wattflächen an der Ostküste Feuerlands bei anhaltend starken Westwinden längere Zeit trocken fallen und austrocknen. Dadurch treten die ansonsten in Gebieten ähnlicher Klimazonen vertretenen Organismengruppen zurück. Insbesondere in tropischen Regionen werden die Wattflächen von Mangroven-Bäumen besiedelt, während in den gemäßigten Breiten lediglich salzresistente Gräser und Stauden in die höheren Lagen der Wattflächen vorzudringen vermögen.

 

Hotspot europäisches Wattenmeer

Intensiv untersucht ist das europäische Wattenmeer in der gemäßigten Klimazone entlang den Küsten der Niederlande, Deutschlands und Dänemarks. Kein vergleichbarer Lebensraum in Europa hat eine annähernd so große Ausdehnung (ca. 5.000 km²) und kein Ökosystem in Europa verfügt über ein ähnliches Arteninventar. Der graue oder graubraune Boden ist eine Mischung aus Sand, Schluff, Tonteilchen, Muschelschill und feinster organischer Substanz in unterschiedlichen Mengenanteilen. In der Gezeitenzone und den ständig wasserführenden natürlichen Rinnen oder Prielen leben etwa 2.500 marine Arten, in den vom Salzwasser beeinflussten Uferbereichen und den Salzwiesen kommen nochmals etwa 2.300 Arten hinzu. Im Verlauf eines Jahres suchen zudem 10 bis 12 Millionen Vögel das europäische Wattenmeer zur Nahrungssuche auf, überwiegend im Verlauf ihrer teils globalen Zugbewegungen in der Zeit von Mai bis September.

 

Im aquatischen Bereich bietet des Wattenmeer etwa 60 Prozent der Organismenarten der gesamten Nordsee eine Lebensmöglichkeit – bei einem Flächenanteil von nicht einmal 2 Prozent. Fast ebenso viele Arten finden sich in den Salzwiesen oberhalb der mittleren Hochwasserlinie, die nur noch gelegentlich bei Sturmereignissen überflutet werden.

 

Im Vergleich zur Nordsee weist das Wattenmeer in seiner Gesamtheit eine etwa 25 bis 30-fache Artendichte auf. Dabei vermag keine der vorkommenden Arten überall im Wattenmeer zu existieren, sondern besiedelt nur bestimmte Bereiche - kleine ökologische Ausschnitte oder Nischen - und diese auch meist nur für einzelne Lebensabschnitte. Je spezieller ein Lebensraum ist, desto mehr müssen sich die Lebensstrategien der Organismen in besonderer Weise anpassen. Ein Strategietyp basiert beispielsweise auf der Einwanderung im Sommer und der Abwanderung im Winter. Dies gilt für die Mehrzahl der Vogelarten und Fische, auch für Seehunde und Großkrebse. Das Wattenmeer ist dadurch eng mit der Nordsee verzahnt und hat nicht nur für die Arten, deren Jugendstadien in der flachen Gezeitenzone aufwachsen eine besondere ökologische Funktion weit über seine Grenzen hinaus.

 

Flora und Fauna

Die Artenvielfalt mancher Wattbereiche ergibt sich vor allem aus einem mosaikartigen Gemisch verschiedener Einzellebensräume (Biotoptypen wie Sandwatt, Schlickwatt oder Mischwatt). Diese Biotoptypen sind besonders dann relativ artenreich, wenn sie verschiedene Kleinlebensräume oder Habitattypen aufweisen, wie beispielsweise Seegrasbestände, Miesmuschelbänke oder höher aufwachsende Algenzonen.

 

Die meisten Bereiche des freien Watts erscheinen mit bloßem Auge als frei von jedem Bewuchs. Erst unter dem Mikroskop sind die dichten Lagen von Kieselalgen (Diatomeen) auf der meist braun gefärbten Bodenoberfläche zu erkennen. Diese Mikroalgen sind die Hauptproduzenten des Wattenmeeres. Pro Quadratzentimeter können Dichten von bis zu 3 Millionen Kieselalgen aus bis zu 40 verschiedenen Arten erreicht werden.

 

Seegras und größere Algenarten wie der Meeresalat (Ulva spec.) oder auf Braunalgen der Gattung Fucus tragen demgegenüber in geringerem Maß zur pflanzlichen Produktion des Wattenmeeres bei. Die Zufuhr organischer Substanzen erfolgt überwiegend aus der freien Nordsee und bildet die Grundlage für die Vielfältigkeit und hohe Dichte der Fauna.

 

Das Zooplankton ist nicht so artenreich wie in der offenen See, spielt aber dennoch im Hinblick auf die Besonderheiten des Wattenmeeres ein wesentliche biologische Rolle, denn die erwachsenen Stadien zahlreicher Arten leben am Boden und zählen damit zur Bodenfauna.

 

Im nährstoffreichen Weichboden haben sich Lebensgemeinschaften von erstaunlicher Vielfalt entwickelt. Je nach Lage und Korngröße des Sedimentes sind diese Benthosgemeinschaften durch verschiedene Siedlungsformen der zahlreichen sessilen oder relativ bodenständigen Tiere charakterisiert. Sie leben als Epifauna fest oder frei beweglich auf der Oberfläche, oder dringen als Infauna in den Boden ein oder bauen Röhren und Höhlen. Dabei erreichen bestimmte Arten erstaunliche Dichten: Von der kleinen Wattschnecke sind schon knapp 100.000 Individuen pro Quadratmeter Schlickwatt gezählt worden, im Mischwatt stellenweise 2.000 Individuen der Herzmuschel. Etwa 300 Gramm tierische Biomasse enthält ein Quadratmeter Wattboden oder eben drei Tonnen pro Hektar – das ist zehnmal mehr als im übrigen Nordseegrund zu finden ist.

 

 

Ein ausreichendes Platzangebot für so viel Leben ergibt sich durch die Anordnung der Tiere in verschiedenen Stockwerken. Auf der Wattoberfläche siedeln beispielsweise Miesmuscheln in größeren Bänken , die darunter liegenden 10 cm bevorzugen Herzmuschel, Tellmuschel, Schlickkrebs, Seeringelwurm oder Wattschnecke. Sandklaffmuschel, Bäumchenröhrenwurm oder Pierwurm gelangen noch weiter in den Wattboden hinein.

 

Vom umfangreichen Angebot profitieren zahlreiche Vogelarten. Für etwa die Hälfte der fast 100 Vogelarten des Wattenmeeres ist dieser Küstenraum von entscheidender Bedeutung, denn erhebliche Teile ihrer Gesamtpopulation finden nur hier für einen bestimmten Zeitraum die für sie notwendigen Lebensbedingungen. Für die Mehrheit der Vogelarten, insbesondere die wandernden Formen, hat das Wattenmeer eine Schlüsselrolle im Zusammenhang mit Brutraum, Nahrungs-, Rast- und Mausergebieten. Der Einzugsbereich dieser Arten reicht von Alaska bis zur Taymir-Halbinsel in Nordsibirien – ein Gebiet, 1.000 mal größer als das Wattenmeer selbst.

 

Etwas mehr als 100 Fischarten sind im Wattenmeer nachgewiesen, nur acht gelten als Standfische, die ihren gesamten Lebenszyklus hier verbringen. Eine weitere Gruppe verlässt das Wattenmeer zum Laichen oder um extremen Temperaturen im Sommer oder Winter zu entgehen, die anderen suchen das Watt gezielt zum Laichen auf. Mehr als die Hälfte der Arten sind jedoch nur gelegentliche Besucher der Küstenzone.

 

Gefährdungen

Das Wattenmeer ist erheblichen Einflüssen durch den Menschen ausgesetzt. Nährstoff- und Schadstoffeinträge, Öl- und Gasförderung, Baggerarbeiten zur Rohstoffgewinnung und Fahrwasservertiefung, Eindeichungen und Tourismus sind punktuelle oder flächendeckende Belastungen.

 

Durch die Intensivierung der Landwirtschaft steigen die Nährstoffeinträge mit allen Folgen der Eutrophierung (Überdüngung) wie etwa verstärkte Algenblüten. Auch trotz verstärkter Maßnahmen zur Abwasserreinigung und einem Rückgang der Einleitung industrieller Abwässer in die Flüsse, ist die Belastung durch Schadstoffe aus dem Wassereinzugsgebiet problematisch. Dabei lagern sich zahlreiche chemische Verbindungen und Schwermetalle an Schwebstoffen an und werden in den Sedimenten langfristig deponiert und können unter bestimmten Bedingungen wieder mobilisiert werden.

 

Auch sind in den seit Ende der achtziger Jahre bestehenden Nationalparken traditionelle Naturnutzungen wie die Krabben- und Muschelfischerei zugelassen. Das europäische Wattenmeer der Nordsee ist eben seit Jahrhunderten auch Kulturraum mit den daraus erwachsenden Konflikten.