Test Design Lighthouse


Neuigkeit: Die Grüne Palme 2011 des Verlagshauses Gruner&Jahr als Auszeichnung für soziales oder ökologisches Engagement – geht an Fabiano Prado Barretto.

 

Lokaler Strand - Globaler Müll

Kaum ein Strandwanderer, der nicht davon träumte, endlich einmal fündig zu werden: die geheimnisvolle Botschaft aus den Weiten der Südsee, den Hilferuf eines vergessenen Robinsons, das verschollene Fragment einer unvollständigen Schatzkarte - angespült in einer Flaschenpost!

 

Kaum ein Strand, an dem die Suche nach einem potentiellen Geheimnisträger nicht von Erfolg gekrönt wäre - das Meer ist ein zuverlässiger Bote. Doch längst ist die prickelnde Erwartung, der angespülte Hohlkörper könne eine Nachricht in sich tragen, der Gewissheit gewichen, dass es sich dabei schlicht und einfach um Müll handelt. Achtlos ins Meer geworfen von Land aus oder auch vom Schiff, machen sich Flasche und Co. nicht einfach auf und davon, sondern kehren nach einer Weile irgendwo zu uns zurück an den Strand. So zahlreich sind sie mancherorts, dass die Lust, jede einzelne auf verborgene Inhalte zu überprüfen längst vergangen ist.

 

Doch auch ohne einen mit zittriger Hand auf vergilbtem Pergament gekritzelten Hilferuf eines fernen Schiffbrüchigen lohnt sich der Blick aufs Detail. Fabiano Prado Barretto, Fotograf aus Salvador da Bahia in Brasilien hat sich während seiner viertägigen und 86 km weiten Wanderung entlang der Linha Verde an der Nordküste Bahias daran gemacht, das Treibgut genauer zu untersuchen und zu katalogisieren.

 

Während des Karnevals 2001 machte Fabiano Prado Barretto einige Wanderungen entlang der Linha Verde an der Nordküste Bahias, der Costa dos Coqueiros. Insgesamt wanderte er ca. 86 Kilometer am Strand in vier Tagen: von der Praia do Forte nach Porto Sauípe (27 km), von Porto Sauípe nach Subaúma (12 km), von Subaúma nach Baixio (22 km) und von Barra do Itariri nach Sítio do Conde (25 km).

„Ich stellte fest, dass die Verpackungen aus 26 verschiedenen Ländern stammten, wobei die USA mit zehn Verpackungen, Südafrika mit neun und Deutschland mit acht die am stärksten an den Stränden Bahias repräsentierten Länder waren. Der restliche Müll kam aus den verschiedensten Ländern aller Kontinente der Erde, so z.B. aus Indonesien, Argentinien, Kanada, Spanien, Indien, Finnland, Thailand, Südkorea und Zypern. Mir gelang es bei 88 der insgesamt 94 Verpackungen das Herkunftsland zu identifizieren. Bei den übrigen war mir dies nicht möglich, entweder, weil das Etikett nicht mehr lesbar oder weil kein Strichcode vorhanden war.“

 

Die am häufigsten gefundenen Verpackungen waren Mineralwasserflaschen aus Plastik (21) und Milchtüten (13). Außerdem kamen vor: Insektizide, Safttüten, Reinigungsprodukte und Kosmetikartikel, Schreibwaren, Erfrischungsgetränke und diverse Lebensmittel. Die am häufigsten gefundenen Verpackungstypen waren Plastikverpackungen (46), Spraydosen (21), sowie Tetra Paks (17). Außerdem wurden 1.647 Leuchtstoffröhren gefunden, deren Ursprung nicht identifiziert werden konnte, da sie keinerlei Aufschrift hatten. Auch 43 Glühbirnen, die aufgrund ihres Gewindes als nicht-brasilianisch identifiziert wurden, sowie 54 Glasflaschen alkoholischer Getränke wurden gefunden.

 

Es ist ganz eindeutig, dass dieser Müll von den ausländischen Schiffen ins Wasser geworfen wird, wobei es sich dabei um Segelboote, Kreuzfahrtschiffe und Frachter handeln kann. Von der Meeresströmung wird er dann an Land gespült. Dass der Müll nicht direkt von Touristen an den Strand geworfen wurde, erklärt sich durch die Vielfalt der Produkte, sowie durch die Tatsache, dass auf den Etiketten kein brasilianischer Importeur vermerkt ist. Und es ist nahezu ausgeschlossen, dass Touristen, die nach Brasilien kommen, Glühbirnen, Milch, Insektizide usw. mitbringen.

 

Rostige Fässer: Was mag sich darin befinden?

Keiner weiß genau, warum der "globalisierte Müll" ausgerechnet an diesem kleinen Strandabschnitt ankommt. Aus Sicht des Meteorologen Ricardo de Camargo, Spezialist für Meeresströmungen und Winde an der brasilianischen Küste, ist dies ein Rätsel. "Eine Erklärung dafür könnten Ostwinde sein, die in dieser Gegend sehr häufig vorkommen", so der Wissenschaftler der USP. Der Giro Tropical, eine aus vielen kleinen Strömungen bestehende große Strömung, könnte die in das Meer geworfenen Gegenstände jedes Schiffes, dass zwischen Brasilien und Afrika den Atlantik passiert, nach Brasilien bringen. Dies erklärt zwar, warum der Müll auf dieser Seite des Atlantiks ankommt, jedoch nicht, was ihn ausgerechnet nach Bahia getrieben hat.

 

Es ist strengstens verboten, jegliche Art von Müll in das Meer zu werfen, jedoch ist die Kontrolle der Schiffe, eine Aufgabe der Administrationsbehörde der Häfen von Salvador und der Nationalen Behörde für Sanitäre Aufsicht (Capitania dos Portos e da Agência Nacional de Vigilância Sanitária - Anvisa), eine schwierige Sache. Laut Manuel Argolo da Cruz, Leiter der Abteilung zur Sicherheit des Schiffverkehres der Administrationsbehörde der Häfen von Salvador, werden nur ca. 35% der Schiffe kontrolliert. "Die Mehrheit der Schiffe wirft keinen Müll ins Meer, aber bei vielen gibt es Anzeichen, dass sie dies getan haben", sagt er, muss jedoch zugeben, dass er dafür noch nie jemanden mit einer Geldstrafe versehen hat. "Es ist schwierig, etwas zu beweisen."

 

Laut den Bestimmungen der Marine gilt der Abladen von Müll ins Meer innerhalb eines Küstenstreifens von 200 Seemeilen, also in brasilianischen Gewässern, als eine Straftat, die mit einer Geldstrafe von bis zu € 25 Millionen geahndet wird. "Diese harte Strafe existiert zwar, aber es ist fast unmöglich, jemanden auf frischer Tat zu ertappen", erklärt Fregattenkapitän und vorübergehender Kommandant der Administrationsbehörde der Häfen von Salvador, Sérgio Silveira. Um die 950 Kilometer lange Küste Bahias zu kontrollieren, hat die Marine gerade mal neun Schiffe und 50 Mann zur Verfügung. "Das Abladen von Müll im Meer ist an der Küste von Bahia etwas ganz Alltägliches", sagt Greenpeace-Umweltschützerin Viviane Silva.

 

Der Müll kann außerdem zur Gefahr für die Meeresfauna werden. "Plastikverpackungen und Glas sind besonders für Schildkröten und Meeressäuger gefährlich", erklärt der Biologe Gustavo Lopez, technischer Koordinator in Bahia für das Projekt Tamar, dessen Ziel die Rückzüchtung von Meeresschildkröten ist. Lopez erinnert an ein Video, das eine Schildkröte zeigt, die Schwierigkeiten hatte, zu laichen, ihre Kloake von einer Plastiktüte verstopft war. Denn diese, so Lopez, "werden häufig von den Tieren verschluckt, die sie mit Algen verwechseln."

 

Laut der Daten des Projektes MAMA (Mamíferos Marinhos - Meeressäuger) wurden allein im Jahr 2002 vier Delfine tot an der Küste von Salvador aufgefunden. Sie waren an dem von ihnen verschluckten Plastik erstickt. Diese Tiere, die über keine besonders starke Sehkraft verfügen, verwechseln Plastikmüll sehr oft mit ihrer Lieblingsnahrung, den Tintenfischen. Im schwersten Fall, 1998 am Strand von Canto Galo 1998 registriert, wurde ein ausgewachsener Delfin ohne äußere Wunden tot am Strand aufgefunden. Bei der Autopsie fanden die Tierärzte in seinem Magen ein Paket Parboiledreis von Uncle Bens. Im Jahr 2000 wurde ein weiteres Tier Opfer der Meeresverschmutzung: ein junger Jubarte-Wal, der drei Kronkorken verschluckt hatte, die ihm in der Kehle steckengeblieben waren und keine Muttermilch hindurch ließen. "Das Tier erlag dem Hungertod", berichtet Luciano Wagner, Koordinator des Projektes. Jedoch war der Müll diesmal brasilianischen Ursprungs.

 

Fabiano Prado Barretto hat es sich zur Aufgabe gemacht, das Geschehen auch außerhalb Brasiliens bekannt zu machen. „Ich taufte mein Projekt ‚Lokaler Strand, Globaler Müll’. Und als Fotograf hat ich mich dazu entschlossen, dies durch Fotoausstellungen und Veröffentlichungen in der Presse zu erreichen.“ Diese waren inzwischen außer in Brasilien in den USA, Portugal, Deutschland zu sehen.

 

Mit Unterstützung der Lighthouse Foundation treibt Fabiano Prado Barretto gemeinsam mit seiner Frau Eva Baretto das Projekt voran. Neben der Stärkung lokaler Aktivitäten in Bahia wird ‚Local Beach – Global Garbage’ mit einer Ausstellung beim Welt-Sozialforum (WSF) im Januar 2004 in Indien vertreten sein.

 

Übrigens: Das seltene Glück, eine Flasche mit verheißungsvollem Inhalt zu finden, hatte Fabiano Prado Barretto in Brasilien. Absender der von ihm am Strand entdeckten Mineralwasserflasche war ein italienischer Segler namens Vito Maria D’Abundo, der seine Post am 26. September 2001 auf 16° 45'Süd und 05° 40' West nahe der Insel St. Helena dem Südatlantik übergab, etwa 3.200 km und mindestens 135 Tage von ihrem späteren Fundort entfernt.

 

 

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Bahia ist ein Bundesstaat in Brasilien und südlichster Teil der Region Nordosten. Mit einer Fläche von 567.295 km² ist Bahia ein wenig größer als Frankreich, hat aber nur 13.070.250 Einwohner.