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Madagaskar: Nachhaltiger Tourismus auf Sainte Marie und Ile aux Nattes

"Ohne Tourismus läuft hier überhaupt nichts",

so die Aussage eines Lebensmittelhändlers in Sainte Marie, Madagaskar. Auf der kleinen Insel vor der Ostküste des Landes boomte der Tourismus viele Jahre lang. Überwiegend Rucksacktouristen haben die Insel in den vergangenen zwanzig Jahren besucht. In der Hauptsaison von Juli bis September tummeln sich vor der Küste von Sainte Marie Buckelwale, die Temperaturen liegen bei angenehmen 23°Celsius und es ist die Hauptreisezeit der Europäer.

 

"Wir hatten gehofft, die Europäer würden Fortschritt und Entwicklung zu uns bringen", so die Dorfbewohner gegenüber den Mitgliedern der „Association Santé et Développement“ (ASD), einem Verein, der sich um die Integration Jugendlicher und Erwachsener in entwicklungsfördernde sanitäre, wirtschaftliche und soziale Aktivitäten bemüht. "Heute müssen wir feststellen, dass die meisten Menschen hier nur Probleme durch ihre Anwesenheit haben." Für die überwiegend arme Bevölkerung, die ohnehin täglich ums Überleben kämpft, sind die entstandenen Nachteile gravierend, ja existenzbedrohend.

 

In der Hauptsaison von Juli bis September tummeln sich vor der Küste von Sainte Marie Buckelwale.
Die Mitglieder des ASD leben auf der Ferieninsel Sainte Marie.
Der ASD engagiert sich in der Jugendarbeit.

Zeit sich zu fragen, wie es weitergehen soll

Die Entwicklung des Tourismus, sein Potenzial für die Verbesserung des Lebensstandards und die Probleme, die er mit sich bringt, waren Thema eines Workshops des ASD. Acht Mitglieder des Vereins bearbeiteten einen Tag lang das Thema "Nachhaltiger und sozialverträglicher Tourismus". Sie stellten sich folgende Fragen: Welche Probleme bringt der Tourismus auf Sainte Marie und was sind unsere Spielregeln für die Zukunft? In systematischer Gruppenarbeit und in lebhaften Diskussionen wurden Ängste, Hoffnungen, gute und schlechte Erfahrungen zusammengetragen. Filme zum Thema lieferten neue Anregungen und zeigten, dass auch andere Länder mit der Problematik zu kämpfen haben.

 

Als Hauptursache der tourismusrelevanten Probleme hatte sich der fehlende Respekt der Europäer gegenüber den Einheimischen herausgestellt. Der Überlegenheitskomplex der Europäer und ihre Ignoranz gegenüber der lokalen Kultur schwächen das Selbstbewusstsein der Einwohner.

Sextourismus ist das nächste Problem. Die steigende Zahl von Touristen auf der Suche nach Minderjährigen sowie Homosexualität machen den Teilnehmern besonders große Sorgen.

 

Erde bedeutet Ernährung. Da die Bauern sich ihrer Tätigkeit schämen und das schnelle Geld lockt, werden landwirtschaftlich genutzte Flächen an Investoren verkauft. Die Menschen in Sainte Marie haben meist nicht gelernt, mit Geld zu wirtschaften, und so verschleudern sie den plötzlichen Gewinn innerhalb kurzer Zeit und verarmen oft völlig.

 

Die ökologischen Aspekte und die öffentliche Sicherheit rangieren schließlich auf den letzten Plätzen. Die Beschädigung des Korallenriffs und der Verlust der traditionellen ökologischen Kenntnisse, die das ökologische Gleichgewicht auf der Tropeninsel bisher sicherten, wurden dabei genannt.

 

"Endlich haben wir das, was uns alle längst beschäftigte, in konkrete Aussagen gefasst", kommentierten damals einheimischen Teilnehmer das Workshop-Ergebnis. Zu weiteren Schritten konnte sich der bislang in der Aidsprävention tätige Verein jedoch zunächst nicht entschließen. Dazu fehlten profunde Kenntnisse zum Thema und auch ein bisschen der Mut. Tourismus ist lokalpolitisch ein "heißes Eisen", an dem man sich leicht die Finger verbrennen kann.

 

Engagement auf Ile aux Nattes - der nächste Schritt

Im September 2004 entschieden die Vereinsmitglieder dann doch, einen Schritt weiter zu gehen. Von der Insel Ile aux Nattes, südlich von Sainte Marie, hatten sie gehört, dass sich zwischen den ausländischen Investoren und der einheimischen Bevölkerung ein wachsender Konflikt entwickelte. Man wollte herausfinden, was hinter diesen Spannungen steckt.

 

Die Ile aux Nattes zählt zu den größten touristischen Attraktionen der Gegend. Eingebettet in eine türkisblaue Lagune, gesäumt von weißen Sandstränden und Kokospalmen, entspricht die Insel genau der europäischen Vorstellung vom Tropenparadies. Weder Kraftfahrzeuge noch Elektrizität sind bisher hierhin vorgedrungen. Trotzdem oder gerade deshalb: Ile aux Nattes boomt. Größtenteils französische Investoren haben innerhalb kurzer Zeit sieben Hotelanlagen gebaut. Begeistert von der Idylle, versuchen außerdem Touristen, sich ein Stück vom Paradies zu sichern. Entlang der Küste wurde ein Ferienhaus neben dem anderen gebaut. Praktisch alle am Meer gelegenen Grundstücke sind verpachtet oder verkauft.

 

Ausgesperrt - typische Konflikte auf der Trauminsel

Der Strand und die folgenden 30 Meter des Landesinneren sind Staatseigentum, das Nutzungsrecht kann jedoch veräußert werden.

Zwar sind der Strand und die folgenden 30 Meter des Landesinneren Staatseigentum, das Nutzungsrecht dieser Grundstücke und der Bestand an Kokospalmen können jedoch veräußert werden. Die Verpachtung an Europäer, auf madagassisch Vazahas genannt, schien eine ideale Verdienstmöglichkeit zu sein. Auf die Legalität und die eventuellen Nachteile der Pachtverträge wurde kaum geachtet, traditionelle Besitzansprüche innerhalb der Familien wurden vielfach übergangen.

 

Die Fischer müssen jetzt große Umwege machen, um an den Strand zu ihren Pirogen (Booten) zu gelangen. Das Durchqueren der verpachteten Grundstücke ist durch die neuen Besitzer untersagt. Die lokale Regelung schreibt zwar vor, einen Pfad von 30 Zentimeter Breite freizulassen, aber niemand würde es ernsthaft wagen, die Europäer mit dieser afrikanischen Tradition zu konfrontieren. Madagassen dagegen haben ein ganz anderes Verständnis von Landbesitz: Nach Absprache wird ein Grundstück sehr häufig von mehreren Akteuren zu unterschiedlichen Zwecken genutzt.

 

"Der Umgang mit den zugezogenen Ausländern ist problematisch. Die Vazahas haben einfach immer recht. Jede alltägliche Angelegenheit wird zu einer unangenehmen Auseinandersetzung, bei der wir uns stundenlang rechtfertigen müssen", erklärt Denis Alfred, Mitglied einer angesehenen Familie vor Ort. „Sie beschimpfen uns sogar und behaupten, wir wollten ihnen nur Geld aus der Tasche ziehen." Er schüttelt den Kopf und fügt ernst hinzu: "So geht das nicht."

 

Die Jugendlichen der Insel verweigern das traditionelle Rollenverhalten. Sie wollen "modern" sein, mit dem durch Medien und Touristen transportierten Lebensstil der Nordhalbkugel mithalten. Von Landwirtschaft und Fischfang wollen sie nichts mehr wissen, stattdessen sind sie ständig auf der Suche nach Touristen, um diesen ihre Dienste anzubieten. Alkohol- und Drogenmissbrauch sind an der Tagesordnung. Durch die Entfremdung von ihren Familien entsteht ein tiefer Riss in der Gesellschaft. Islamisten haben das Potential dieser Generation erkannt und missionieren systematisch - und mit einigem Erfolg. Die Kluft zwischen den Jugendlichen und dem Rest der überwiegend katholischen Bevölkerung wird dadurch noch größer.

 

Die - völlig unterbezahlten - Hoteljobs werden vorzugsweise an Auswärtige vergeben. Man hat den Eindruck, die Hotelbesitzer wollen Abstand zur lokalen Bevölkerung halten. Mit der Behauptung, es mangele dort an Hygiene, raten sie ihren Gästen zudem davon ab, in den einheimischen Restaurants zu essen. Ein Teil der Insulaner rächt sich für derartige Diffamation durch Diebstahl an den Hoteliers und Ferienhausbesitzern. Hin und wieder rauben sie auch die Rucksäcke der badenden Touristen aus.

 

Das Projekt

Die ASD beschloss, einen Workshop mit interessierten Dorfbewohnern zu veranstalten, aus dem gemeinsam mit dem Gemeinderat von Ile aux Nattes ein Projekt entwickelt wurde. Unter der Regie der ASD und einem lokalen Komitee soll nun ein christlich orientiertes Begegnungs- und Informationszentrum entstehen, eine Diskussionsplattform und eine Beratungsstelle rund um die Probleme und Möglichkeiten des Tourismus. Durch die Einbindung der Jugendlichen in das Projekt könnten auch diese neue Perspektiven entwickeln und ihre Rolle in der Gesellschaft neu definieren. Ortsvorstand, Distriktverwaltung und das madagassische Tourismusministerium unterstützen das Vorhaben.

 

 

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Die Île aux Nattes (offizieller, aber seltener gebrauchter Name auch Nosy Nanto) ist eine kleine Insel südlich der Insel Sainte-Marie, einer insel vor der Ostküste von Madagaskar. Beide Inseln gehören zur Provinz Toamasina.