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Sammeln und Bewahren

Vom Wert und der Not einer wissenschaftlicher Sammlung

Forschungsreisen haben meist ein arbeitsreiches Nachspiel. Ob kurzer Ausflug in die Nachbarschaft oder langwierige Reise zu fernen Zielen, letztlich dient die Expedition der Jagd nach Daten- und Untersuchungsmaterial, deren Auswertung weit über das Ende der Forschungsreise hinaus die Wissenschaft beschäftigen kann. Fast 20 Jahre dauerte die Auswertung des Materials, das die britische „Challenger“ 1876 von der weltweit ersten Tiefsee-Expedition nach fast vierjähriger Reise durch drei Ozeane zurück nach England brachte. Die zahllosen Boden- und Gesteinsproben, Messdaten, Skizzen, Aufzeichnungen und beinahe 5.000 bis dahin unbekannte Arten aus bis zu 5.500 Metern Meerestiefe lagern noch heute in der wissenschaftlichen Sammlung des Natural History Museum in London.

 

Zur Tiefsee-Sammlung des Shirshov-Instituts in Moskau gehören etwa 100.000 Tiefsee-Organismen.

Vorausgesetzt, die verderblichen Exemplare überdauern gut konserviert durch Alkohol und Formalin in geeigneten Archiven, sind sie von außerordentlichem Wert für die Forschung. Naturwissenschaftliche Sammlungen dokumentieren die unglaubliche Vielfalt des Lebens auf der Erde und das nicht nur auf dem aktuellen Zeitniveau. Denn je älter die Sammlungen sind, um so aussagekräftiger werden sie im Hinblick auf biogeographische und sogar evolutionäre Veränderungen. Die Auswertung von Sammlungsmaterial erlaubt aber auch Rückschlüsse auf kulturhistorischem Gebiet, wie etwa die Industrialisierung, die Entwicklung von Schadstoffbelastungen und die Ursachen des Artenschwunds.

 

Auch in der Tiefseeforschung ist eine nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten geführte und für Vergleichszwecke zugängliche Forschungssammlung die Grundlage systematischer zoologischer Forschung. So können die von heutigen Forschungsreisen aus der Tiefsee mitgebrachten Organismen mit bereits vorhandenen Typusexemplaren verglichen und einer schon bekannten Art zugeordnet oder als neue Spezies beschrieben werden. Von besonderem Wert sind schließlich auch Informationen zur Ökologie der Arten, etwa zu deren Verbreitungsgebieten, zur Artenzusammensetzung eines Lebensraumes oder dessen Veränderung.

 

 

Ein großer Teil der konservierten Lebewesen stammt aus der Zeit zwischen 1950 und 1980, als intensive Forschungsprogramme durchgeführt wurden.
Zur IORAS-Flotte der Forschungsschiffe gehört auch die „Akademik Mstislav Keldysh“, die über mehrere Jahre an der Suche nach der „Titanic“ beteiligt war und deren U-Boote „MIR I“ und „MIR II“ die Filmaufnahmen zum Titanic-Film von James Cameron ermöglicht haben.

Die auf endlosen Regalmetern gesammelten Fundstücke kommen aber auch vielen anderen Wissenschaftsdisziplinen zugute. Neu entdeckte Arten können den Bestand wirtschaftlich nutzbarer Ressourcen um ein Vielfaches vermehren und neue systematische Erkenntnisse werden Meeresschutz, Politik und Naturprodukt-Industrie mit dem Wissen ausstatten, das für die Erhaltung und eine nachhaltige, langfristig umweltgerechte Nutzung der Meere notwendig ist. Die Kenntnis der Artenvielfalt wird also auch die Entdeckung neuer Produkte fördern und die Auswahl neuer und verbesserter Nahrungsmittel oder auch medizinisch wirksamer Substanzen begünstigen.

 

 

Tiefsee-Arten der wertvollen Sammlung des Shirshov Institut

 

Seit seiner Gründung 1949 hat sich das P.P. Shirshov Institute of Oceanology of the Russian Academy of Sciences (IORAS) zu einem der führenden Zentren der Tiefsee-Forschung entwickelt. Schon im Gründungsjahr des Instituts wurde die Tiefsee-Sammlung durch den Wissenschaftler Lev. A. Zenkevich eingerichtet, der auch das heutige 'Labor für Benthosfauna der Ozeane' gründete und lange Jahre die biologische Tiefsee-Forschung in der ehemaligen Sowjetunion leitete. Zu den bekannten Forschern des Laboratoriums, die zur Sammlung und deren wissenschaftlichem Wert beitrugen zählen Zinaida Filatova, Nina Vinogradova, Marina Sokolova, George Belyaev und andere.

 

Gegenwärtig besteht die Sammlung aus etwa 100.000 wirbellosen Tiefsee-Organismen aus fünf Jahrzehnten sowjetischer und russischer Meeresforschung. Jeweils ein oder auch mehrere Exemplare einer Art sind in Gläsern und anderen Behältnissen konserviert. 12.000 Stationen wurden im Laufe der Zeit aufgesucht und Tiefen von einigen hundert bis 11.000 Metern beprobt. In der Sammlung sind Objekte aus verschiedensten Biotopen wie ozeanischen Gräben, untermeerischen Bergen, Kontinentalabhängen und Tiefsee-Ebenen, hydrothermalen Quellen und Gashydrat-Lagerstätten vertreten. Für Organismen aus Tiefseegräben gilt die Sammlung des Shirshov Institut weltweit als die umfangreichste.

 

Ein Großteil der Sammlungstücke stammt aus der Zeit zwischen 1950 und 1980, als intensive Forschungsprogramme mit Forschungsschiffen wie „Vityaz“, „Dmitry Mendeleev“, „Akademik Kurchatov“ und anderen Fahrzeugen durchgeführt wurden. Zur Flotte der Forschungsschiffe gehört neben weiteren Schiffen auch die „Akademik Mstislav Keldysh“, die über mehrere Jahre an der Suche nach der „Titanic“ beteiligt war und deren U-Boote „MIR I“ und „MIR II“ die Filmaufnahmen zum Titanic-Film von James Cameron ermöglicht haben.

 

 

Erhaltung und Nutzung einer einmaligen Sammlung

 

Auch heute wird die Sammlung weitergeführt und immer noch erweitert, obwohl in der derzeitigen ökonomischen Situation Russlands die Zahl weitreichende Forschungsreisen auf ein Minimum reduziert wurde. Nach einem halben Jahrhundert ist die Tiefsee-Sammlung des IORAS weltweit anerkannt, sieht sich nun aber besonderen Schwierigkeiten ausgesetzt, da die Unterstützung durch die Akademie der Wissenschaften fast vollständig eingestellt wurde.

 

Die Entdeckung hydrothermaler Quellen wie z.B. im Rainbow vent field in 2.300 Metern Tiefe bei den Azoren hat auch zur Entdeckung einer Vielzahl neuer Arten geführt.

Weil Verbrauchsmaterialien wie Ethanol, Formalin und Glasbehälter zur Pflege und Neuanlage von Sammlungsmaterial nur in unzureichender Menge beschafft werden können, befürchtet Dr. Andrey Gebruk einzigartiges Sammlungs-Material zu verlieren. Da gleichzeitig die Bemühungen zur Erforschung der Biodiversität auch in der Tiefsee kontinuierlich ansteigen, wäre ein Verlust von wichtigem und hilfreichem Vergleichsmaterial nicht nur für die IORAS-Sammlung selbst außerordentlich bedauerlich.

 

In den nächsten fünf Jahren sollen auch mit Unterstützung durch die Lighthouse Foundation die notwendigen Renovierungs- und Instandsetzungsarbeiten in der Sammlungsräumen durchgeführt und die Sammlungsobjekte gesichert werden. Darüber hinaus soll internationalen Wissenschaftlern eine bessere Zugangsmöglichkeit zu dieser einzigartigen Informationsquelle gegeben und ein Arbeitsplatz für Gast-Wissenschaftler eingerichtet werden. Die Investitionen werden einen wesentlichen Beitrag zur Rettung und Erschließung der überaus wertvollen Datensammlung der IORAS-Sammlung über die Biodiversität der Tiefsee leisten.

 

 

P.P. Shirshov Institute of Oceanology

of the Russian Academy of Sciences

36, Nakhimovsky Prospekt,

117997 Moscow

 

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